Wolfgang Weileder und seine Konzeptfotografie in Recklinghausen

Abstrakt, unruhig und ein bisschen rätselhaft: Die digitale Konzeptfotografie „Place des Vosges, Paris. 2013“ von Wolfgang Weileder, zu sehen in der Kunsthalle Recklinghausen. - Fotos: Kunsthalle Recklinghausen

Von Achim Lettmann -  RECKLINGHAUSEN Plätze interessieren Wolfgang Weileder. Dabei richtet der Künstler, der sich vor allem als Bildhauer versteht, nicht den Blick auf prächtige Kirchen und Bürgerhäuser. Für Weileder definiert sich ein Platz über Aktionen. Was passiert auf den freien Flächen in unseren Cities?

In der Kunsthalle Recklinghausen wird ab Sonntag diese neue Position des Künstlers vorgestellt, die mithilfe eines digitalen Visualisierungskonzepts abstrakte Fotografien von Plätzen bietet. Weileder sucht sich Orte mit hohen ikonografischen Wert aus. Also, der Platz vor dem Petersdom in Rom oder die Domplatte in Köln, der Viktualienmarkt in München. Oder der Place des Vosges, ein ganz alter zentraler Ort in Paris. Wer solche Plätze besucht hat und sie kennt, erlebt durch die digitalen Fotografien Weileders eine neue Ansicht. Weileder richtet seine Kamera auf die belebteste Stelle, fixiert sie und lässt sie alle vier Sekunden ein Bild machen. Aus den Bildern zieht ein Computerprogramm eine horizontale Linie heraus, die nur ein Pixel breit ist. Diese Linien, die aus allen Bildern von der gleichen Stelle gezogen werden, stapeln sich chronologisch zu Weileders abstrakter Fotografie. In „Place des Vosges“ (2013) dehnt sich die fotografierte Zeit von 16.56 Uhr bis 20.32 Uhr. Eine Legende neben dem Bild zeigt die Kameraposition, gibt technische Daten weiter, und was in der Zeit passiert ist: In Paris liegen die Menschen in der Sonne, und Kinder plantschen im Wasser der Brunnen. Die Fotografie selbst gibt Farbverläufe wieder, wie sich das Grün von Bäumen oder das Weißgrau von Architektur mit nachlassendem Sonnenlicht farblich ändert. In unruhigen Bildzonen wird die Bewegung der Menschen skizziert. Der Titel der Ausstellung „Transversale“ greift einen Begriff auf, der eine Gerade meint, die eine geometrische Form durchschneidet. Es geht um eine künstlerische Methode, die sich Raum und Zeit neu erschließen will.

Dass Wolfgang Weileder inhaltliche Informationen gibt, hat mit seiner ersten Aufnahme 2009 in Warschau zu tun. Damals hatte er die Kamera ausgerichtet, da erschien erst der Dalai Lama und dann noch Lech Walesa auf dem Platz. Ein Zufall, zwei Friedensnobelpreisträger. Zu erkennen sind aber weder das geistige Oberhaupt der Tibeter noch der ehemalige Gewerkschaftsführer der Solidarnosc. Obwohl die Fotoserie „Atlas“ das Leben auf Plätzen dokumentiert, sind keine realistischen Bilder zu sehen.

Weileder schafft neue visuelle Anmutungen von Bekanntem. Aus jedem Bild lässt er letztlich sechs Pixellinien aus verschiedenen Höchen ziehen und stapeln. Es gibt folglich sechs Bilder, aber keine Multiples. Zum Beispiel entstand nach seinem Konzept ein Zeit-Bewegungsbild von den Gläubigen in Rom, wie sie am Ostersonntag 2011 auf dem Petersplatz erschienen, um den Segen „Urbi et orbi“ zu empfangen, und um nach und nach den Ort wieder zu verlassen. Zwischen den stark strukturierten Bereichen sind inselartige rote Flächen zu sehen, die Weileder mit der Schweizergarde verbindet. Die päpstliche Hauspolizei trägt Helme, die mit roten Federn besetzt sind.

Neben dem kalkulierten Zufallsmoment kann Weileder über die Standortwahl entscheiden, welche Farben seine Aufnahme bestimmen, welche Gebäude oder andere Konstanten seine „Atlas“-Serie mit beeinflussen. Erstmals zeigt der Künstler, der als Professor in Newcastle (Großbritannien) Bildhauerei lehrt, diese konzeptuelle Foto-Position in einer Kunsthalle in Deutschland.

Auch zwölf seiner „Seascapes“ werden erstmals hierzulande in Recklinghausen präsentiert. Es sind großformatige konzeptuelle Aufnahmen vom Meer. Dabei wird die Kamera gedreht, so dass Himmel und Meer in einem Tag-Nacht-Verlauf dokumentiert werden. Neben der Kraft der Elemente wird eine Licht- und Wetterbewegung spürbar. Diese Aufnahmen sind ruhiger als die „Atlas“-Serie. Sie reduzieren die Weite des Meers, machen sie aber mithilfe eines Hängesystems und eines Bildträgers aus Baumwolle spürbar. Der tradierte Augenblick des Sujets „Seestück“ wird nur als dokumentierter Moment wiedergegeben – ein Ausschnitt, keine Romantik.

Neben den zwei Fotoserien baut Weileder noch eine Installation für Recklinghausen. Die Kunsthalle wird im Maßstab 1:5 ins erste Geschoss der Kunsthalle etwas versetzt gestellt. Der Künstler spielt mit dem Vorbild und dem Abbild an einem Ort. Die Formwiederholung wirkt kompakt und monolithisch.

Das Material erinnert auf dem ersten Blick an Granit und erreicht eine ästhetische Qualität. Tatsächlich hat Weileder „Aquadyne“ verwandt. Das sind Platten aus recyceltem Kunststoff, die als Drainage bei Golf- und Fußballplätzen eingesetzt werden. Oder als Dach- und Wandbegrünung funktionieren. Für Weileder ist unser Kunststoffmüll ein kulturelles Indiz, wie auch Museen zu unserer Kultur zählen. Die massive „Archi-Skuptur“ steht mit ihrem Volumen für den jährlichen CO2-Verbrauch eines Westeuropäers.

Wolfgang Weileders installative Arbeit schafft Bezüge, die den zeitgenössischen Diskurs über neue Maßstäbe für unser Leben aufgreift. Im Oktober stellt er in Bologna aus.

Die Schau

Ein neues digitales Fotokonzept, das traditierte Bildsujets, wie Stadtbilder und Meeresansichten, konzeptuell als Raum-Zeit- Erscheinung visualisiert.

Transversale. Wolfgang Weileder. Installation und Fotografie in der Kunsthalle Recklinghausen. Eröffnung, Sonntag, 13. Juli, 11 Uhr. Bis 24. August, mo, di, sa, so 11 bis 18 Uhr; Katalog 20 Euro, Kerber Verlag, im Handel 38 Euro. Tel. 02361/50 1941 www.kunst-re.de

Quelle: wa.de

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