„Winkelmanns Reise ins U“ am Theater Dortmund

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Auf der Baustelle: Szene aus „Winkelmanns Reise ins U“ am Theater Dortmund mit Sebastian Graf, Luise Heyer, Axel Holst und Uwe Rohbeck (von links). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Der Filmemacher Adolf Winkelmann („Jede Menge Kohle“, „Contergan“) hat seiner Heimatstadt ein Wahrzeichen geschenkt. Er schuf die „Fliegenden Bilder“, die das Kulturzentrum „Dortmunder U“ krönen. Nun hat er ein neues Arbeitsfeld gefunden. Er inszeniert am Schauspielhaus Dortmund „Winkelmanns Reise ins U“. Das Heimattheater mit einer Fülle satirischer Anspielungen auf die örtliche (Kultur-)Politik und einer schönen Portion Selbstironie erlebte eine gefeierte Uraufführung.

Er erzählt dabei, wie seine „fliegenden Bilder“ mit Hilfe von 1,7 Millionen Leuchtdioden auf das ehemalige Brauereigebäude kamen. Natürlich erleben wir eine Abenteuergeschichte mit dem Autor und Regisseur als Helden. Aber Winkelmann hält die Balance, zeigt sich als ziemlich bauchgesteuerten großen Jungen im Pullover, dessen Naivität der steten Korrektur durch den Freund und Ko-Autor Jost Krüger bedarf. Axel Holst spielt Winkelmann als Mischung aus Quichote, Indiana Jones und Lausbub auf der Suche nach einem guten Catering. Uwe Rohbeck als nörgelnder Krüger und Luise Heyer als Kamerafrau, die mangels professionellen Gerätes mit einem Brötchen filmt, vervollständigen das Kreativteam.

Sie haben eine Idee. Aber die Stadt hat kein Geld. Hauptaufgabe der Verwaltung, so erklärt Archivar Schleitzer, ist Kosten zu vermeiden. Kosten entstehen durch Aktivität. Also? Winkelmann schildert die Odyssee durch den Politdschungel und die Riesenbaustelle. Dazu gibt es jede Menge Anspielungen auf das beneidete Essen, den offiziellen Träger des Kulturhauptstadttitels („Wer es am dringendsten braucht, aber es am wenigsten ist“), die Stadtführung, die am liebsten Oper und Rathaus („braucht kein Mensch“) über E-Bay verkaufen würde, und natürlich das U und die sinnfreien Marketing-Formeln für das, was darin geschieht. Das Museum als Kraftwerk? „Kraftwerke“, poltert Andreas Beck als wunderbar grobjovialer „Regierender“, „stinken, strahlen und sind hässlich“. Also etwas mit „kreativ“ und mit „Wirtschaft“. „Kreativ-Wirtschafts-Pott“. Da trifft der „erfundene Tatsachenbericht“ in eine Leerstelle. Ebenso wie die bösartige Vision, dass 2015 das U für das Publikum geschlossen und der Bau nur noch der Lagerung der städtischen Protokolle dient, weil das Geld für mehr nicht reicht.

Das droht immer wieder ins Selbstgefällige zu kippen, schließlich arbeitet der Filmemacher die eigene Leistung und die Überwindung administrativer Hürden auf. Aber der erfrischend offenherzige Witz kompensiert vieles.

Ein Übriges tun die tollen Bilder der Produktion. Allein die Sache mit den „Magic Foils“, den goldenen Datenrollen, die angeblich beim Umbau im U-Turm gefunden wurden, ist hinreißend. Als Holsts Winkelmann die erste Rolle öffnet, tauchen Buchstabenprojektionen die Bühne in einen zauberischen Lichtregen. Aus einem Strichelmuster lässt Winkelmann weiße Tauben werden. Anfangs agieren die Darsteller vor Fensterfilmen, die sonst im Treppenhaus des wirklichen U laufen. Und die hängenden, aquarienhaften Daten-Kabinen im U-Keller sind so liebevoll ausgestattet (Bühnenbild: Pia Maria Mackert), dass sie sogar die Kinder im Weihnachtsmärchen verzaubern würden.

Der Abend changiert zwischen Provinzialität und großer Geste. Das Theater formuliert eine notwendige Kritik am Leuchtturmprojekt, das kostet, aber wenig strahlt und noch immer Baustelle ist. Der Blick auf den eigenen Standort war schon in der ersten Spielzeit des Intendanten Kay Voges Programm. So zeigt das Stadttheater seine Existenzberechtigung. Und unterhaltsam ist das allemal.

4., 16., 31.12., 8., 25.1., 2., 11., 24.2., 3., 18.3.,

Tel. 0231/ 50 27 222

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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