William Forsythe zeigt im Museum Folkwang Essen „Nowhere and Everywhere“ zur Ruhrtriennale

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Hoppla, nicht so große Taschen mitnehmen! Die Pendel-Installation „Nowhere and Everywhere“ im Museum Folkwang in Essen.

Von Achim Lettmann ESSEN -  Zisch- und Stoßlaute signalisieren, dass die Pendel in Bewegung geraten. Mit Druckluft werden 400 kleine Zylinder, die an Schnüren hängen, in einem großen Feld angestoßen und abgebremst. Es ist ein Areal für wechselseitige Körpererprobung. Was lässt sich im großen Saal des Museum Folkwang erfahren? Bleibt man Beobachter oder geht’s zwischen die Pendel? Welche Empfindungen werden dann in den Freiräumen spürbar?

Hier hat der international gefeierte Choreograf und Tänzer William Forsythe seine schwingende Installation „Nowhere and Everywhere at the Same Time No. 2“ verwirklicht. Es ist eine Uraufführung und vielleicht die Premiere zu einer neuen Mensch-Kunst-Begegnung an vielen folgenden Orten.

Für die Ruhrtriennale hat William Forsythe seine Rauminstallation geschaffen, die bereits am Freitag in die neue Festivalsaison startete. Wer das Museum Folkwang als Ort für strahlend farbige Malerei kennengelernt hat, wird vom schlichten Saal überrascht werden. Die Installation „Nowhere and Everywhere“ ermöglicht ein Gefühl für die Architektur David Chipperfields, wie sie seit der Eröffnung 2010 nicht mehr gegeben war. Hier dient der ganze Raum nur einem Kunstwerk, das erst vervollständigt wird, wenn sich der Mensch hinein begibt.

Es ist anfangs ein bisschen gespenstig, weil die Pendel-Aktionen so unvermittelt laufen, ohne Ansage, ohne Musik, ohne Farbdeko, ohne Fahrplan. Und genau dieses minimalistische Konzept führt dazu, dass der Mensch zur Hauptfigur wird. Er bewegt sich aus der Schwingungsachse der Pendel heraus, er durchbricht die computergesteuerte Programmatik der Bewegungen im Feld, er pausiert und schaut am Rande der Rauminstallation, er spürt, geht, weicht aus und stößt an.

Für Forsythe geben die Pendel viele Informationen, um eine Bewegung zu erzeugen. „Ich genieße das Navigationsgefühl“, sagte er in Essen, „wie in einem Bach“, wo man von Stein zu springt. „Es ist nützlich, aber keine Inspiration“, sagt Forsythe und baut damit Deutungen vor, die aus „Nowhere an Everywhere“ mehr machen wollen.

William Forsythe, der Choreograf und Tänzer, gilt als Erneuerer des Balletttanzes. Seit seiner Zeit als Leiter des Frankfurter Balletts (1984–2004) führt er die Forsythe Company, die in Frankfurt und Dresden auftritt. Forsythe erweiterte das Ballett, in dem er die Frontalaufführung unterbrach und die Tänzer in den Zuschauerraum entließ. Die Aktionen um den Betrachter herum, machte nun aus der Wahrnehmung der Aufführungspraxis ein Gefühlserlebnis für den Tanz im ganzen Raum. Außerdem emanzipierte Forsythe den Balletttänzer, das heißt, er verzichtete mehr und mehr auf die erzählerische Bindung zur Tanzliteratur. Vielmehr sollte der klassische Stil weitere Bewegungsfreiheiten entdecken. Ein neuer Blick auf getanzte Körper.

Mit der Installation „Nowhere and Everywhere“ arbeitet Forsythe weiterhin am Thema Bewegung im Raum. Nur das hier nicht die Profis „tanzen“ sondern der Museumsbesucher. Man sollte den Schritt schon wagen, denn die schaukelnden Pendel sind kein Risiko, aber ein feines Erlebnis.

Das Bewegungsfeld hat 16 Bereiche, in denen die Pendel unkoordinativ gegeneinander geraten. Folglich spürt man je weiter man ins Installationsfeld geht, dass ein schneller Ausweg nur mit Kollisionen einhergeht. Wer hält das aus? Oder findet man in Ruhe zu sich selbst? Sollte man tatsächlich genötigt werden, komische Verrenkungen zu machen? Es ist ein herrlicher Selbstversuch, aber nichts für Kirmesbesucher, die Autoscooter mögen. Von außen lässt sich dann ein Körpertheater mit einer Reihe von Solisten erleben. Das ist ein Ziel William Forsythes.

Möglich ist dies mit der Hilfe von industriellem Hightech. „Die Metallprofile unter der Decke können 24 Stunden lang rüttelfrei laufen“, sagt Max Schubert, technischer Leiter der Forsythe Company. Pneumatische Zylinder schieben und stoppen die Pendel. Nur die Länge der Schnüre ist für den Bewegungsausschlag verantwortlich. Und der Mensch.

Die Installation

Ein möglicher Selbstversuch, der Kunst, Mensch und Raum auf sensitive Weise zusammenführt. Nowhere and Everywhere von William Forsythe im Museum Folkwang in Essen. Bis 8. September; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22 Uhr. Tel. 0201/ 8845 444

www.museum-folkwang.de

William Forsythes Videoarbeit „City of Abstracts“ (2000) ist im Foyer zu sehen. Sein Film „Solo“ (1997) ebenfalls im Museum.

Quelle: wa.de

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