„Willi Baumeister International“ im Museum Küppersmühle Duisburg

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Willi Baumeisters Gemälde „Dialog Rot-Blau“ (1951) ist in der Küppersmühle in Duisburg ausgestellt.

Von Ralf Stiftel DUISBURG - Der „Dialog Rot-Blau“ fällt etwas einseitig aus. Das Blau beherrscht fast die ganze Fläche des Gemäldes. Aber der fett liegende rote Halbkreis markiert das Zentrum, sticht sofort heraus. Willi Baumeisters Gemälde von 1951 beschwört geradezu archetypisch die Bildwelt der Nachkriegsabstraktion herauf. Eine lockere Ansammlung von überwiegend organischen Formen ist über die Fläche verstreut. Beim Betrachten ergibt sich eine Art visueller Rhythmus. Der Maler bringt das Auge zum Tanzen.

Zu sehen ist das Werk in der Ausstellung „Willi Baumeister International“ im Museum Küppersmühle. Museumsdirektor Walter Smerling unterstreicht, dass seit längerem dem Künstler keine große Retrospektive mehr gewidmet wurde. Nun zeigt das Duisburger Haus eine Übersicht mit rund 100 Werken, die zunächst im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen war, wo auch das Baumeister-Archiv lagert.

Der Titel der Schau ist programmatisch zu verstehen. Baumeister, 1889 in Stuttgart geboren, starb 1955 im Atelier, beim Malen. Er schlägt eine Brücke der Moderne vom Bauhaus der 1920er Jahre bis zur ersten documenta in Kassel in seinem Todesjahr, bei der er mit einer eigenen Schau gewürdigt wurde. Seine Bilder wurden immer als besonders typisch für die deutsche Nachkriegsmalerei angesehen: Eine nicht allzu wilde abstrakte Kunst, die durch die Rhythmisierung, die lebhafte Farbgestaltung und die organischen Formen durchaus eingängig ist. Nicht zufällig fand diese Malerei ihren Niederschlag im alltäglichen Design, in Stoff- und Tapetenentwürfen zum Beispiel. Aber Baumeister hatte schon in ganz frühen Jahren Kontakte besonders nach Frankreich verknüpft. Er sei ein Netzwerker gewesen, betont Kuratorin Ilka Voermann. 1924 besuchte er Paris, traf Größen wie Fernand Léger, Amédée Ozenfant, Le Corbusier, Piet Mondrian, Hans Arp. Und seine Malerei wurde in Frankreich anerkannt, 1927 hatte er seine erste Einzelausstellung in Paris. Man schätzte ihn, weil er anders malte als die Expressionisten, sachlich und konstruktiv. Und während ihn die Nationalsozialisten als „entarteten Künstler“ schmähten, ihn als Professor in Frankfurt entließen, hatte er Ausstellungen in Rom, Mailand, Basel und London. Baumeister blieb in Deutschland in innerer Emigration, hatte mit einer Anstellung bei der Wuppertaler Lackfabrik von Kurt Herberts eine materielle Absicherung. Nach dem Krieg konnte er seine alten Verbindungen wieder aufnehmen, stellte als erster deutscher Maler wieder in Paris aus.

Diese Geschichte lässt sich in Duisburg nur aus den Fotowänden erschließen. In Stuttgart wurde noch Baumeisters Sammlung ausgestellt, jene Werke von Klee, Kandinsky, Léger, Picasso, die er geschenkt bekam oder gegen eigene Bilder getauscht hatte. Diese Bezüge werden in der Küppersmühle nicht sichtbar, hier sieht man Baumeister als Solitär, zumindest, was die Kunstwerke anbelangt.

Solche Konzentration hat andererseits auch ihre Vorzüge. Aus dramaturgischen Gründen beginnt die Duisburger Schau mit dem großformatigen Spätwerk und arbeitet sich in die hinteren Räume zurück, wo das Frühwerk ausgestellt wird. Da empfangen den Besucher eben die wunderbaren Serien „Montaru“, „Han-i“, „ARU“ – Fantasienamen, mit denen der auch schriftstellerisch tätige Künstler gerne seine Arbeiten verrätselte. Im „großen Montaru“ (1953), das auf der documenta gezeigt wurde, trägt er sozusagen den mächtigen schwarzen Block im Bildzentrum ab, indem er ihn mit lebhaften Farbakzenten umspielt und mit kleinen, zeichnerischen Neckereien wie einer kleinen Hand, die oben aus dem Schwarz ragt.

Baumeister arbeitete in Serien, und man sieht in Duisburg schön, wie er zum Beispiel eine grundlegende Figur in „Han-i“ (1955) variiert, mal in Weiß, mal in Braun, dann wieder als eine Art Relief, bei dem er Sand in die Farbe mischte. Er hatte sich ein festes Bildvokabular erarbeitet, das er abrief, und Texturen beherrschte er meisterhaft, sei es durch den Einsatz von Sand, sei es dadurch, dass er einen Kamm durch die Farbe zog und so feinste Schraffuren erzielte.

Im Eingangs erwähnten „Dialog Rot-Blau“ brachte er Anspielungen auf frühere Werkphasen unter. Im zentralen braunen Feld sieht man Figurationen, die an seine an Felszeichnungen und afrikanische Kunst angelehnte Malerei der frühen 1940er Jahre anknüpfen. Und auch seine streng konstruktiven Arbeiten der 1920er finden ein verspieltes Echo, etwa in den Dreiecken am rechten Bildrand. Denn Baumeister hat von seinen post-impressionistischen Anfängen vor dem Ersten Weltkrieg an eine weite Entwicklung hinter sich gebracht. Was in der Abstraktion möglich ist, hat er ausprobiert: Geometrische Figurationen, Variationen der menschlichen Figur in den „Flämmchenfiguren“ (1931) und in den Sportlerbildern („Tennisspieler mit Kreis“, 1934), extrem reduzierte Bildzeichen („Tori“ , 1933) und illusionistisch gemalte Pseudoreliefs („Hommage à Jérôme Bosch“, 1953). Dieser Formenreichtum zeigt den modernen Klassiker dann doch wieder unvertraut und frisch.

Willi Baumeister international im Museum Küppersmühle, Duisburg. Bis 5.10., mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0203/ 301 948 10, www.

museum-kueppersmuehle.de

Katalog, Deutscher Kunstverlag, München, 39 Euro

Quelle: wa.de

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