Wilhelm Wagenfeld in Bremen: Moderner Designer

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Die Salz- und Pfefferstreuer „Max und Moritz“ entwickelte Wagenfeld 1953 für WMF. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BREMEN–„Wir können Herrn Wagenfeld auch um seiner persönlichen Eigenschaften willen warm empfehlen“, schrieb Walter Gropius im Mai 1925. Der Architekt und Direktor des Bauhauses in Weimar stellte dem Absolventen nach drei Semestern ein erstklassiges Zeugnis aus. Nachzulesen im Wilhelm Wagenfeld Haus in Bremen, wo derzeit die Ausstellung „Wilhelm Wagenfeld. Weiterwirken in die Zeit hinein“ zu sehen ist.

Wagenfeld (1900–90) hat jene modernen Klassiker entworfen, die dem Alltag in der jungen Bundesrepublik eine neue Kontur gegeben haben. Kaum ein Haushalt, der nicht eine Vase, eine Butterdose, Besteck oder das Salz und Pfeffer-Duo „Max und Moritz“ besaß. Wagenfelds Entwürfe waren stilbildend und erschwinglich. Er entwarf für WMF (Geislingen) Anfang der 50er Jahre und später – nach Unstimmigkeiten – auch für andere Firmen. Wagenfeld war der Leuchtengestalter der 50/60er Jahre. Für die Glashütte Peill und Putzler in Düren machte er Wohnraumlampen mit Überglas. Das Rautendekor des zweiten Glaskörpers ließ das künstliche Licht herrlich diffus erscheinen. Für Lindner in Bamberg entwickelte er als erster Gestalter überhaupt Lampen für Feuchträume, also für Keller und Bad. Er drehte zwei Opalgläser in eine Porzellanfassung, schon dominierte seine Doppelspiegelleuchte (1963) die Waschbecken der Republik.

Wagenfeld brachte Wirtschaftszweige wie die Elektroindustrie gestalterisch auf Kurs. In seiner Entwurfswerkstatt in Stuttgart lebte er sein Interesse für neue Materialien aus. Für die Firma Ogro in Velbert formte er Türdrücker aus Aluspritzguss. Das erste Bordgeschirr der Lufthansa erhielt von Wagenfeld eckige Formen. Melamin, eine Pressharzmasse, kam zum Einsatz und sollte an Keramik erinnern. Den ersten tragbaren Plattenspieler mit Radio der Firma Braun, den „Combi“ (1954/55), hatte Wagenfeld aus Kunststoffen mehrfarbig entworfen. Der Firma in Frankfurt gab er den Tipp, eine Entwicklungsabteilung einzurichten. Danach erst kam Dieter Rams und sollte Braun zu einer Weltmarke des Designs machen.

Wilhelm Wagenfeld hatte diesen Erfolg, weil er gänzlich uneitel war. Er wollte keine Linie, kein „Branding“, durchsetzen. Er hatte den Anspruch, der Zeit, in der er lebte, die jeweilige Form zu geben. Bereits als Student schuf er die sogenannte Bauhaus-Leuchte (1924), die einer der Klassiker des modernen Designs weltweit geworden ist. Eine Ikone, wie die Teekanne (1931) für die Glaswerke in Jena, für die er ein ganzes Service aus Glas erarbeitete. Immer mit den Techniker zusammen, war seine Überzeugung. Denn Wagenfeld hatte früh begriffen, dass er ein Produkt nur dann vollenden konnte, wenn er in der Fabrik arbeitete und nicht nur Entwurfsskizzen abgab. In den Vereinigten Lausitzer Glaswerken setzte er 1935 durch, dass der Künstler mit dem Kaufmann und dem Techniker gleichgestellt war. Wagenfeld holte das Unternehmen aus den roten Zahlen mit ersten Modellreihen. Seine Vorratsbehälter „Kubus“ (1938) aus Pressglas passte in die kleinen Kühlfächer der Zeit. Wagenfeld ließ zwischen den Boxen etwas Luft, damit alle Kubus-Teile gleichmäßig gekühlt wurden. Technische Neuerungen krönten seine Entwürfe. Das billige Pressglas wertete er für alle ästhetisch auf. Er führte Standardisierungen in den 30er Jahren ein, deren Werbeslogan erst in der Bundesrepublik richtig griff: „Vom Herd direkt auf den Tisch.“ Kochgeschirr aus Jena. In den 60er Jahren war „Jenaer Glas“ ein Synonym für feuerfestes Glas.

Das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik sehnte sich nach klaren transparenten Formen. Und Wagenfelds Maxime, für eine neue Gesellschaft eine neue Ästhetik zu entwickeln, schien endlich aufzugehen. Die Nazis hatten die Bauhochschule in Weimar 1930 geschlossen, an der er Lehrer war. Und der erfolgreiche Gestalter musste später als Soldat zur Ostfront, weil er nicht gelitten war.

Als Sohn eines Hafenarbeiters aus Bremen hatte Wagenfeld auch soziale Ziele. Er war früh gefördert worden. Als Lehrling der Silbermanufaktur Koch & Bergfeld durfte er nachmittags zur Kunstgewerbeschule gehen. Er wollte Künstler werden, arbeitete mit Heinrich Vogeler in Worpswede zusammen, bis ihn das Bauhaus in Weimar 1923 lockte.

Die Ausstellung in Bremen zeigt frühe Zeichnungen von Wagenfeld, Urkunden, Briefe, Fotografien aus der Zeit. Die Schau wird von langen hellen Vitrinen dominiert, in denen Exponate und Entwürfe übersichtlich, chronologisch und in Gruppen sortiert sind. Welche Formen Wagenfeld wohl in der unübersichtlichen Konsum- und Überflussgesellschaft favorisiert hätte?

Die Schau

Eine sorgsame Ausstellung bringt das Werk des modernen Gestalters zum Ausdruck: transparent, klar, stilbildend.

Wilhelm Wagenfeld im Wagenfeld Haus in Bremen.

Bis 12. September; di 15 bis 19 Uhr, mi-so 10 bis 18 Uhr;

Tel. 0421 / 3388 116

http://www.wwh-bremen.de

Quelle: wa.de

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