Wettlauf um Afrika: Patricia Cloughs „Emin Pascha“

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Patricia Clough ▪

Wie wird aus Eduard Karl Oskar Theodor Schnitzler der meistgesuchte Mann der Welt? 1887 und 1889 machen sich gleich zwei Expeditionen auf, um den unscheinbaren Mann, der sich Emin Pascha nennt, zu finden. Der britische Afrika-Held Henry Morton Stanley und der deutsche Kolonialpolitiker Carl Peters wollen Emin, einen Amtsarzt und Provinzgouverneur, retten – und gleichzeitig ein Stück Afrika in Besitz nehmen. Die britische Journalistin Patricia Clough schildert den Wettlauf in einer bunten Studie über den „Herrn von Äquatoria“. Von Jörn Funke

Der Süden des heutigen Sudan („Äquatoria“) war Ende des 19. Jahrhunderts ein Teil Ägyptens und gehörte zum britischen Einflussgebiet in Afrika. Für die ägyptischen Herrscher war der Oberlauf des Nils eine Art afrikanisches Sibirien – freiwillig wollte dort kaum jemand hin. Bis auf Schnitzler (1840-92), einen exzentrischen deutschen Arzt mit bewegtem Vorleben. Der schmächtige Schlesier, Sohn eine jüdischen Kaufmannsfamilie aus Oppeln, war früh in türkische Dienste getreten, hatte eine Affäre mit der Frau eines Vorgesetzten begonnen, mit ihr in eheähnlichen Verhältnissen in Norditalien gelebt und schließlich in Richtung Kairo abgetaucht.

Als Mehmet Emin („der Vertrauenswürdige“) nahm er 1876 eine Stelle als Amtsarzt in der tiefsten Provinz an; zwei Jahre später wurde er dort Gouverneur und verbrachte seine Zeit damit, die örtliche Tierwelt zu erforschen. Der Südsudan galt bereits vor 125 Jahren als Krisengebiet. Die anglo-ägyptische Herrschaft zerbrach 1883 in einem islamistischen Aufstand, Emin floh.

Die britische Öffentlichkeit wollte Rache für die Opfer des Aufstands – und zeigte sich gerührt vom Schicksal des weißen Mannes im Dschungel. Privat finanzierte Expeditionen machten sich auf, um den vermeintlichen Helden zu retten. An ihre Spitze standen die „bösen Buben“ der Geschichte: Henry Morton Stanley (1841- 1904) hatte bereits den Forscher David Livingstone gegen dessen Willen in Afrika „gefunden“, Carl Peters (1856-1918) versuchte das Deutsche Reich auf Kolonialkurs zu bringen.

Beide zogen mit hunderten Begleitern los, zumeist afrikanischen Trägern, von denen die meisten das Abenteuer nicht überlebten. Mit unglaublicher Brutalität versuchten sie unabhängig voneinander, zu Emin vorzustoßen und Äquatoria für britische oder deutsche Interessen zu reservieren. Stanley hatte nebenbei Verbindungen zur berüchtigten Kongo-Gesellschaft des belgischen Königs Leopold, deren Schreckensherrschaft Millionen Menschenleben forderte.

Patricia Clough schildert Schnitzlers Reise ins tiefste Afrika und die Touren seiner „Retter“ als ein Art Abenteuergeschichte, in die sich langsam die Außenpolitik einschleicht. Sie zeigt dabei, wie Europäer die Rettung eines der ihren als Vorwand benutzen, um Afrika zu teilen und auszuplündern. Emin selbst gerät dementsprechend schnell in Vergessenheit; den Namen Stanley kennt man dagegen noch heute. Ärgerlich an dem Werk ist lediglich der Verzicht auf Quellennachweise und ein vollständiges Literaturverzeichnis. Sie wolle keine „lange, öde Liste vorlegen“, schreibt Clough. Um der Glaubwürdigkeit des Buches willen hätte sie es tun sollen.

Patricia Clough: Emin Pascha, Herr von Äquatoria. Ein exzentrischer deutscher Arzt und der Wettlauf um Afrika. DVA, München. 336 Seiten. 22,99 Euro.

Quelle: wa.de

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