Portigon will auch Kunst aus Museen versteigern lassen

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Noch im Landesmuseum in Münster zu sehen: Giovanni di Paolos „Geburt des Johannes“ (um 1450).

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Jetzt ist es also amtlich: Die Portigon AG, Rechtsnachfolgerin der abgewickelten Westdeutschen Landesbank, will ihre Kunstsammlung zu Geld machen. Und zwar komplett und zum höchstmöglichen Erlös. Das träfe besonders Münster hart. Nicht nur, dass die Stadt ausgerechnet das „Geschenk“ verlöre, das Friedel Neuber, Vorstandsvorsitzender der WestLB, an jenem 18. Mai 1993 der Stadt zum 1200. Geburtstag überreichte, die Skulptur „Toleranz durch Dialog“ des baskischen Bildhauers Eduardo Chillida. Allerdings gab der Banker nicht ganz: Das Kunstwerk steht als „Dauerleihgabe“ im Rathaus-Innenhof. Demnächst vielleicht nicht mehr.

Aber auch das Landesmuseum für Kunst und Kultur steht vor schmerzlichen Verlusten. Es hat ebenfalls „Dauerleihgaben“ erhalten, deren Zeit nun abläuft. Die kostbarsten sind zwei Tafeln des sienesischen Malers Giovanni di Paolo (um 1450), die seinerzeit gezielt für das Museum erworben wurden. Außerdem hat das Haus Henry Moores Skulptur „Stein Denkmal“ (1961/1969) und das Gemälde „Nocturno“ (1952) von Fritz Winter.

Jetzt hat Portigon-Chef Kai Wilhelm Franzmeyer erstmals bestätigt, dass der Verkauf bevorstehe, dass es sogar bereits Interessenten gebe. Der Verkauf sei „ohne Alternative“, sagte er der Rheinischen Post und dem WDR. Andererseits gibt er sich durchaus gesprächsbereit. Betroffenen Museen macht er das Angebot, die Kunstwerke noch ein oder zwei Jahre länger zu zeigen. Zum Verkauf bestehe kein Zeitdruck, sagt er.

Rund 400 Kunstwerke hat die WestLB erworben. Darunter sind Werke der klassischen Moderne wie das „Gartenbild“ von August Macke und das „Rote Haus“ von Gabriele Münter, aber auch ein abstraktes Gemälde des US-Malers Morris Louis und Arbeiten deutscher Künstler wie Joseph Beuys, Günther Uecker und Gotthard Graubner. Außerdem besitzt Portigon alte Musikinstrumente, eine Stradivari ist an den Virtuosen Frank Peter Zimmermann ausgeliehen. Der Wert der Sammlung ist nicht zu bestimmen, weil die Landesregierung die Liste geheim hält.

Aufgrund von EU-Vorgaben muss Portigon abgewickelt werden. Vermögenswerte sind auf den Markt zu bringen. Dazu gehört eben auch die Kunst. Hier allerdings handelte die WestLB oft stellvertretend für die Politik: Wo der Landeshaushalt einen Ankauf nicht trug, da sprang die Bank ein. Und hier steht die Landesregierung jetzt in der Pflicht, die Museen nicht bluten zu lassen dafür, dass in besseren Zeiten niemand daran glaubte, dass die Dauer eine Dauerleihgabe der WestLB befristet sein könnte.

Schon vor einigen Monaten stieß der Verkauf zweier Bilder Andy Warhols aus dem Besitz der landeseigenen Westspiel auf heftige Proteste aus der Kunstszene. Damals beteuerte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), dass keine Kunst aus Landesbesitz verkauft werden soll. Die Portigo gehört allein dem Land. Die Landesregierung zeigt sich uneinig über das Vorgehen. Während Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) dem Unternehmen allein die Entscheidung über die Kunst zuspricht, verweist Ute Schäfer (SPD), Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport auf den runden Tisch aus Fachleuten und Politikern, der am 5. Februar erstmals über den Umgang mit Kunst in Unternehmensbesitz des Landes Nordrhein-Westfalen beraten soll. Es gebe keine Veranlassung, die Debatte vorwegzunehmen, teilt die Ministerin mit und nennt den aktuellen Vorstoß von Portigon „durchaus ungewöhnlich“.

Deutlich schärfer protestieren die Direktoren mehrerer großer Museen im Land. Der Kunstverkauf sei eine „kulturpolitische Bankrott-Erklärung“ auch der NRW-Landesregierung, die nicht entschieden genug eingeschritten sei, hieß es in einer Erklärung der Direktoren des Landesmuseums in Münster, der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, des Aachener Ludwig Forums und weiterer Häuser.

Die Kunstwerke gehörten eigentlich den Bürgern in NRW, betonten die Direktoren. „Wir fordern einen sofortigen Stopp der Verkaufsvorbereitungen sowie eine gründliche juristische Prüfung, wie diesem Ausverkauf kultureller Güter ein Riegel vorgeschoben werden kann.“

Zugleich kündigten die Direktoren an, nicht auf das Angebot des Portigon-Chefs einzugehen, die Werke vor dem Verkauf für eine gewisse Zeit für Ausstellungen zur Verfügung zu stellen. „Unsere Häuser dürfen nicht zum Durchlauferhitzer für den Kunstmarkt werden.“ „Zynisch“ sei angesichts der aktuellen Preise auch die Offerte, dass öffentliche Sammlungen die Werke „zum Marktpreis“ ankaufen könnten.

Auch in Münster will man sich mit dem Verlust der Chillida-Skulptur nicht abfinden. Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) sagt: „Das Kunstwerk von Eduardo Chillida ist für den Innnenhof des Rathauses der Stadt entworfen und realisiert worden. Die Skulptur ,Toleranz durch Dialog’ gehört daher nur an diesen Standort.“ Er habe den Portigon-Vorstand nach Münster eingeladen, zu besprechen, wie man das Kunstwerk dauerhaft an seinem Standort sichern könne. Er sei zuversichtlich, im Dialog eine Lösung zu finden.

Quelle: wa.de

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