Der Westfälische Kunstverein eröffnet im neuen Domizil mit „No Place Like Home“

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Minimalistisch strenge Vorschläge für kreatives Wohnen: Jean-Pascal Flavien entwarf und baute die Möbel, die er im Westfälischen Kunstverein ausstellt.

Von Ralf Stiftel

MÜNSTER - Wie eine Parade im Raum wirken der Tisch mit dem quadratischen Loch in der Platte, die Stühle, der Hocker, die Bank, die Leiter. Vielleicht müsste man die Möbel zurechtrücken, um sie zu benutzen. Dies ist nicht der erste Anlauf, die neuen Räume des Westfälischen Kunstvereins in Münster auszustatten. Die Arbeit des französischen Künstlers Jean-Pascal Flavien gehört zur ersten Ausstellung. Die neue Direktorin Kristina Scepanski hat ihre Einstandsausstellung passend benannt: „There’s No Place Like Home“.

Der Erweiterungsbau für das Westfälische Landesmuseum ist noch nicht fertig. Aber der Kunstverein, traditionsgemäß im Bau untergebracht, nimmt sein neues Domizil schon vorab in Gebrauch. Was nicht ganz einfach ist: Der neue, eigene Eingang ist nur direkt über die Baustelle zugänglich. Rund 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche bieten die neuen Räume. Kristina Scepanski bespielt sie mit Arbeiten von acht jungen europäischen Künstlern, mit einer Themenschau. Zeigen, „was Sie noch nicht kennen“, so formuliert die 1982 in Bedburg geborene Kunsthistorikerin ihr Programm. Sie sammelte Erfahrungen in Düsseldorf beim Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, in den USA beim Whitney Museum in New York.

Ihre Eröffnungsschau präsentiert allerdings zwei Künstler, die ihr Forum bereits hatten – auf der documenta in Kassel. Damals ließ Maria Loboda Zypressen in Blumentöpfen durch den Auenpark „wandern“. Im Kunstverein ist es ein grüner, nicht besonders schöner, handelsüblicher Teppich, der immer wieder neu platziert wird und sich so durch die Ausstellung „bewegt“. Ein banales Wohnaccessoire wird zum heimatlosen Wanderer, man mag das als Pointe ansehen.

Jeronimo Voss, 1981 in Hamm geboren, in Frankfurt lebend, zeigt eine räumliche Collage aus hintereinander montierten Glasplatten und eine vermeintliche Diashow (tatsächlich ein im Stroboskoplicht flackernder Film), der die Geschichte eines „göttlichen Fotografen“ (divine photographer) erzählt, den es in den Weltraum verschlägt. Heimatlosigkeit fasst Voss als schöpferisches Prinzip auf, eine Absage an Regeln und die Schaffung traditioneller Bilder. Das ideale Medium dafür ist die Montage aus gefundenem Material.

Die Ausstellung macht Heimat greifbar als relevantes Thema. Es geht gerade nicht um eine „nationale Standortbestimmung“, wie Kristina Scepanski formuliert, sondern um verschiedene Heimatbegriffe. Wie eignet man sich einen Ort an, richtet sich ein, macht sich vertraut? Jean-Pascal Flavian entwirft Häuser, in denen Personen temporär wohnen. Die eingangs erwähnten Möbel gehören zur Ausstattung, schlichte modulare Einrichtungsobjekte, die bei den Benutzern kreative Kräfte freisetzen sollen.

Die dänische Künstlerin Theresa Himmer spürt in ihrer Arbeit „Parallel Memories“ ihrer Biografie nach. Ihre Mutter ist aus der damaligen Tschechoslowakei emigriert, und zu den Kindheitserinnerungen der Künstlerin gehören die sommerlichen Fahrten zu den Großeltern in das Ostblockland. Sie hat einen Russen getroffen, einen Altersgenossen, der in der gleichen Region lebte, als Kind eines dort stationierten Soldaten der Roten Armee. In einer Videoarbeit überblendet sie nun seine und ihre Erinnerungen und filmte die Gegend durch das Modell eines Puppentheaters.

In der „Night Map“ von Anna Debois Buhl klingt ein visuelles Echo eines Romans von Michèlle Bernstein über eine Dreiecks-Liebesbeziehung nach. In dem 1961 erschienenen Buch gibt es einen nächtlichen Weg durch Paris. Die dänische Künstlerin überträgt diesen Weg nun auf andere Städte, in der aktuellen Ausstellung eben Münster. Die Zitate über das chinesische Restaurant und die Gefühle der Liebenden werden mit Projektionen der nächtlichen Westfalenmetropole bebildert.

Christoph Westermeier bezieht sich direkt auf den Kunstverein, indem er Gemälde des 19. Jahrhunderts aus seinem Besitz fotografiert und diese Aufnahmen von Details, große Bildfahnen, ins Foyer hängt. Der Kunstverein trägt mit seiner umfangreichen Sammlung wesentlich zum Reichtum des Landesmuseums bei. Eric Baudelaire ist mit einem Film in der Schau vertreten, allerdings ausgelagert ins Schlosstheater. Benjamin Tiven wird ab Mai eine Internet-Arbeit auf der neu gestalteten Website des Vereins präsentieren.

No Place like Home

im Westfälischen Kunstverein Münster.

Bis 23.6., di – so 11 – 19 Uhr, Tel. 0251/ 46 157, www.

westfaelischer-kunstverein.de

Quelle: wa.de

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