Sinnesgenüsse aus Farbwirkungen

Der Maler Hans Purrmann im Hermann-Stenner-Kunstforum

Gemälde Hans Purrmann Liegender Akt 1940
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Hans Purrmann: Liegender Akt, 1940

Der Maler Hans Purrmann galt lange nur als Epigone des Franzosen Henri Matisse. Eine große Werkschau im Hermann-Stenner-Kunstforum Bielefeld sucht jetzt eine Neubewertung des Künstlers.

Bielefeld – Lasziv liegt die Frau auf dem Diwan. Sie hat die Augen geschlossen, den Kopf aufgestützt. Vielleicht schläft sie, vielleicht denkt sie auch nur nach. Jedenfalls ruht sie in diesem Augenblick in sich. Hans Purrmann bietet dem Auge mit dem „Liegenden Akt“ (1940) einen sinnlichen Genuss mit einem traditionell ausgeführten Thema der Malerei.

Hier geht es um keine Erzählung, sondern um visuelle Reize. Damit ist nicht nur der entblößte Körper gemeint. Purrmann kontrastiert die mit Schraffuren belebte Haut mit kühlen Blau- und Grüntönen. Dann lenkt er den zweiten Blick an die Ränder, zu den roten Streifen oder dem am rechten Rand angedeuteten Wandteppich. Das Thema dieses Bildes ist das delikate Wechselspiel der Farben, von warm zu kalt, von hell zu dunkel. Das Bild hing im Wohnzimmer des Künstlers in der Villa Romana in Florenz, wohin er vor der Enge der NS-Diktatur entkommen war. Ein Zeitzeuge berichtete, dass Purrmann das Bild in provokativer Absicht platziert hatte. Er genoss es, wenn amtliche Besucher dadurch irritiert wurden.

Jetzt empfängt das Gemälde die Besucher des Hermann-Stenner-Kunstforums in Bielefeld. Das Museum kann endlich die Ausstellung „Hans Purrmann: Ein Leben in Farbe“ zeigen. Direktorin Christiane Heuwinkel möchte mit der Schau einen bedeutenden Unzeitgemäßen würdigen. Purrmann (1880–1966) wurde lange nur als Schüler und Epigone von Henri Matisse wahrgenommen. Mittlerweile wird seine Eigenständigkeit stärker anerkannt. Immerhin nahm der Sohn eines Malermeisters aus Speyer zwischen der berühmten Sonderbundausstellung 1912 in Köln und der ersten documenta in Kassel 1955 an einigen Kunst-Hauptereignissen des 20. Jahrhunderts teil. Und er war sehr respektiert, wurde 1957 vom Bundespräsidenten mit dem Orden Pour le Mérite geehrt.

Er war kein sehr „deutscher“ Maler, obwohl er in München beim Malerfürsten Franz von Stuck studiert hatte, in Berlin von Max Liebermann protegiert wurde. 1905 ging er nach Paris und geriet in den Bann der „Fauves“. Mit Matisse freundete er sich an und überzeugte ihn, die Académie Matisse zu gründen. Matisse prägte auch den Künstler, der seine Bilder dekorativ und schön gestalten wollte. Aber die „Latinität“, wie Purrmann selbst diesen Einfluss nannte, war aus mehr Quellen gespeist. So beeindruckte ihn auch die Farbauffassung Cézannes. Er reiste viel, und er feierte durchaus Erfolge in den 1920er Jahren. Die Nationalsozialisten allerdings schmähten seine Bilder als „entartet“. Er fand Zuflucht in Florenz als ehrenamtlicher Leiter der Villa Romana. Da traf ihn auch ein privater Schicksalsschlag, 1943 starb seine Frau Mathilde, die er in der Académie Matisse kennen gelernt hatte. Er erlebte noch späte Anerkennung in der Bundesrepublik. Und er malte bis zuletzt, selbst als er an den Rollstuhl gefesselt war und einen Assistenten brauchte. Er hinterließ ein Lebenswerk von mehr als 3000 Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen.

Mit 112 Gemälden stellt das Stenner Kunstforum den Künstler als Koloristen vor. Purrmann dachte seine Bilder von der Farbe her, und er arbeitete in der malerischen Tradition. Man findet die klassischen Themen, nach denen schon die Werke der Alten Meister sortiert wurden: Landschaftsbilder, Porträts, Akte, Stillleben. Und weil er so viel im Mittelmeerraum unterwegs war, weil er sich dem südlichen Licht verschworen hatte, darf der Besucher schwelgen. Dabei ist kaum eine Entwicklung festzustellen: Nachdem der Künstler in den 1920er Jahren erst einmal seine Bildsprache gefunden hatte, blieb er bei seinen Mitteln. Die setzte er freilich sehr vielfältig ein. Und er arbeitete geradezu seriell: Den eingangs erwähnten liegenden Akt wiederholte er 1962 noch einmal, wobei er dekorative Details änderte wie das Muster des Sofas, und den Schleier über dem Bein gestaltete er zu einer Spitzendecke um, die den Leib gleichsam rahmt. Mehrmals malte er sitzende Akte, bei denen sein Modell die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Porträts führt er oft nach einem bestimmten Muster aus, fokussiert sich auf den Kopf vor einem lebhaften Hintergrund, meistens einem Tapetenmuster. Dem Schema bleibt er noch in seinem späten Selbstbildnis von 1961 treu, bei dem er sein weißbärtiges Antlitz mit vielen kleinen Pinselstrichen festhält. Das Bild erhält dadurch eine flirrende Energie.

Suggestiv stellte er auch Innenräume dar. Die „Atelierecke mit offenem Fenster“ (1924) erinnert an Bilder von Pierre Bonnard. Das große „Interieur mit zwei Frauen“ (1933) mit seinen Abstraktionen und dem dekorativen Raumteiler verweist hingegen auf Matisse.

Stärkste Farbwirkungen erzielte Purrmann in einigen seiner Stillleben, wo er Blumensträuße, Vasen, Obst und Kunstobjekte seiner Sammlung wie ein römisches Relief und eine kleine Skulptur effektvoll inszenierte. Das „Stillleben mit Relief“ (1949) spielt zudem mit der Wirkung eines großen Spiegels im Hintergrund.

Auch in Landschaftsdarstellungen beweist Purrmann seine stilistische Vielfalt. Da gibt es Bilder wie den „Weg zwischen Olivenbäumen“ (1922) und das Bild seines Hauses in Langenargen (1929), die die Farbwirkung aus dichten Flächen entwickeln. Parallel entstehen Bilder wie „Langenargen am Bodensee“ (1929), wo er dünne Pinselstriche setzt wie in einer Skizze. Ganz ähnlich arbeitet er im unvollendeten Werk „Südlicher Hafen“ (1924), wo er Palmen und Boote mit feinen farbigen Schraffuren formt, was das Bild mit großer visueller Spannung auflädt. Geradezu klassizistisch (und cézannesk) sind spätere italienische Landschaften („Blick über Florenz“, 1935).

Die Wirren der Zeit, Diktatur, Krieg, persönliche Nöte sieht man diesen Bildern nicht an. Purrmann wirkt in seiner Kunst wie aus der Zeit gefallen, sagt Museumsdirektorin Christiane Heuwinkel. Persönlich war er standhaft, versteckte zum Beispiel den befreundeten jüdischen Karikaturisten Thomas Theodor Heine und verhalf ihm mit einem gefälschten Pass zur Flucht. Im Trauerzug des von den Nazis verachteten großen Malers Max Liebermann zum Alten Jüdischen Friedhof ging Purrmann mit.

Bis 15.8., mi – fr 14 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr.

Tel. 0521/ 800 66 00, www.kunstforum-hermann-stenner.de,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 29,90 Euro

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