Werkmonografie zu Andreas von Weizsäcker

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Andreas von Weizsäcker mit dem vielteiligen Werk „Großstadtmusikanten“ auf der Leopoldstraße, München, 1985.

Von Achim Lettmann - Wem Andreas von Weizsäcker noch kein Begriff ist, der hat die Gelegenheit, das Werk des Objektkünstlers posthum kennenzulernen. Es lohnt sich, weil von Weizsäcker mit Papier und Zellstoff das skulpturale Arbeiten erweitert hat und so zu einem einflussreichen Künstler in Deutschland geworden ist.

Von Weizsäcker (1956–2008), als zweiter Sohn Richard von Weizsäckers in Essen geboren, studierte an der Kunstakademie München und entwickelte seit den 80er Jahren seine vielfältigen Plastiken aus Papier. 1984 war er der erste Preisträger des Leopold-Hoesch-Museums in Düren (Eifel), das Papier als Kulturgut und Material der Gegenwartskunst begreift: „Papier zu Papier gebracht“.

Es liegt nun ein Werkverzeichnis im Verlag für moderne Kunst (Wien) vor, das mehr als eine Bestandsaufnahme ist und mit großen Fotografien von Weizsäckers Schaffen vorstellt. Die Herausgeber Sabrina Hohmann und Thomas Hirsch gehen chronologisch und themenorientiert vor. Von Weizsäcker wird als Künstler vorgestellt, der zur Zeit der „Jungen Wilden“ auf expressive Selbsterkundungen verzichtete. Wichtiger waren ihm die Spuren des Menschen, menschliches Handeln und die Dinge des Alltags neu sichtbar zu machen.

In „Tabula rasa“ (2002/06) formt er eine Büroausstattung mit weißem Bütenpapier ab und gibt dem Arbeitsplatz eine gewisse Stille. Der geschäftige Ort wird zum Erinnerungsstück, wirkt beinah museal, konserviert. Zur Ruhe bringt von Weizsäcker auch die Tonträger des modernen Alltags. Auspuffrohre, Telefone, Radios und Fernseher sind als Negativ- und Positivabformungen zu weißen „Großstadtmusikanten“ (1984) aus Büttenpapier geworden – eine 55-teilige Arbeit. Jean-Christophe Ammann schreibt in der Monografie, dass von Weizsäcker „das Gegenläufige verbindet“, also die Hülle der Gegenstände ihre Vitalität und ihr Ende vereint – ein Augenblick von Tod und Leben.

Von Weizsäcker greift auf die Methode des Papier Mâché zurück, die in Ostasien für Großplastiken verwandt wurde. Mit der Arbeit „Contrade dell’Arte“ (2003) formt er Teile eines Pferde- und Reiterstandbilds ab, die er als variables mehrteiliges Objektbild ausstellt. Dabei wird die Körperlichkeit des Denkmals material- und gestalttechnisch hinterfragt. Weizsäcker wollte Hierarchien aufheben.

Seine Neugier war charakteristisch. Er probierte immer wieder neue Formen und Stoffe wie Weißblech, Gips, Graphit, Recycling- und Washipapier aus. In Hannover befestigte er 1993 drei Abformungen von Pkws unter einer Brücke, um einen Kontrapunkt in der autogerechten Stadt zu setzen. Solche Paradoxien sind ein Stilprinzip.

Beeinflusst von seinem Lehrer Eduardo Paolozzi richtete Andreas von Weizsäcker eine Papierwerkstatt 1983 in München ein. Es folgten Lehrauftrag (1986), Stipendium (1989), Dozentur (1991), Professor an der Kunstakademie (2001) und Mitgliedschaft im Direktorium (2004). Eine seiner letzten Arbeiten führte seine Frau, die Künstlerin Sabrina Hohmann, in Wolfsburg aus. Die Ritzungen auf Bäumen waren mit einer Frottagetechnik bereits 1993 abgenommen worden, um die Lebenszeichen der Zwangsarbeiter zu sichern. Die Gefangenen hatten für den VW-Konzern im 2. Weltkrieg gearbeitet. 2010 wurde das Denkmal für Zwangsarbeiter in Wolfsburg eingeweiht. Es ist der Bronzeabguss eines mit Ritzungen versehenen Baumfragments. Andreas von Weizsäcker ging es immer um das Menschliche. Er starb 2008 an einer Krebserkrankung.

Andreas von Weizsäcker. Werkmonografie und Werkverzeichnis. Hg. von Sabrina Hohmann und Thomas Hirsch. Verlag für moderne Kunst, Wien. 328 S., 440 Farbbilder, 200 SW-Bilder; 68 Euro

Quelle: wa.de

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