Werke von Ulrich Rückriem im Kunstverein Lippstadt

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Blick in die Ausstellung „Kosmos“ mit Werken von Ulrich Rückriem im Kunstverein Lippstadt. ▪

Von Andreas Balzer ▪ LIPPSTADT–Natürlich war er nicht persönlich bei der Eröffnung. Ist er nie. Und auch sonst hat man den Eindruck, dass Ulrich Rückriem möglichst wenig mit seiner eigenen Kunst zu tun haben will. Vor allem, wenn es um den sinnlichen Teil, die Ausführung, geht. So hat er den großen „Sockel“ aus Anröchter Dolomit, der den Eingangsbereich der Galerie schmückt, nicht selbst geschnitten und gespalten. Auch die farbigen Rechtecke hat er nicht eigenhändig mit Ölkreide auf die Kartons der 45 „Passepartouts“ gemalt, die zur Zeit in den Räumen des Lippstädter Kunstvereins zu sehen sind.

Darauf, sagt Dr. Erich Franz, künstlerischer Berater des Kunstvereins, komme es aber auch gar nicht an. Entscheidend sei allein das zugrunde liegende Konzept: „Der Betrachter kann den Plan zu hundert Prozent nachvollziehen. Da gibt es kein Geheimnis.“

Der Kunstverein ist sichtlich stolz darauf, Rückriem für die Ausstellung „Sockel — Passepartout — Kleiner Kosmos“ gewonnen zu haben. Viermal war der 1938 in Düsseldorf geborenen Bildhauer mit seinen minimalistischen Werken auf der documenta vertreten, seit 1974 war er als Kunstprofessor in Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt tätig. Ausgezeichnet wurde er mit bedeutenden Ehrungen wie dem Piepenbrock-Preis für Skulptur (1998).

Nicht schlecht für jemanden, bei dem das Verschwinden im eigenen Werken zum Konzept gehört. Wie das funktioniert, zeigt sich bei den „Passepartouts“ aus dem Jahr 1995, von den einige zum ersten Mal gezeigt werden. Rückriem hat DIN-A1-Kartons in zwölf unterschiedlichen Farben gekauft, die weitere Ausführung überließ er einem Maler. Dessen Aufgabe war es, genau ein Sechzehntel der Fläche im Zentrum jedes Kartons in einer von zwölf Farben mit Ölkreide auszumalen.

Es sind die kleinen Abweichungen vom strengen Plan, die den Arbeiten individuelle Momente verleihen. Der unterschiedliche Kreideauftrag etwa, oder die Fettaura, die bei einigen „Passepartouts“ die farbigen Rechtecke umgibt — Zufallsprodukt der verwendeten Ölkreide. Doch solche Abweichungen nimmt Rückriem in Kauf, sie sind nicht Teil der künstlerischen Konzeption.

Geplant ist dagegen die unterschiedliche Wirkung, die sich aus der Hängung ergibt. Die 35 Arbeiten im oberen Raum sind ungerahmt und als Querformate in einer Art Schachbrettmuster an der Wand angeordnet, mit der sie so in direkte Beziehung treten. Die Abfolge der Bilder ist dabei jedoch betont zufällig und folgt keiner festgelegten Farbdramaturgie.

Die zehn Arbeiten im kleinen Raum hängen gerahmt im Hochformat und wirken so eher wie traditionelle Bilder. Der „Kleine Kosmos“ schließlich besteht als dritter Teil der Ausstellung aus 49 gerahmten Zeichnungen, gehängt in sieben Reihen aus je sieben Bildern. Die Arbeiten auf DIN-A4-Papier ähneln den „Passepartouts“, allerdings hat Rückriem die farbigen Rechtecke hier — diesmal eigenhändig — mit Figuren und Mustern gefüllt. Die vielfältigen Bezüge, die die Elemente miteinander verbinden, sind dabei so unüberschaubar, dass der Betrachter sie unmöglich in ihrer Gesamtheit erfassen kann. Doch auch hier betont Erich Franz: „Bei aller Komplexität gibt es kein Geheimnis, jede Formbildung erfolgt nach einem nachvollziehbaren Plan. Die Ausführung ist anonym, ohne persönliche Handschrift.“

Der Kunsthistoriker preist die Nichteinmischung des Künstlers bei der Realisierung seiner eigenen Arbeiten. So könne sich das Material — die Farbe der „Passepartouts“, der Stein des „Sockels“ — in seiner natürlichen Schönheit präsentieren, „von keinerlei künstlerischem Eingriff gestört“.

Doch gibt es tatsächlich so etwas wie eine „objektive“ Kunst? Oder anders gefragt: Wenn der Künstler doch nur stört, wozu dann noch über ihn reden? Wäre es nicht konsequenter, den ganzen Künstlerkult ad acta zu legen und die Werke gleich anonym zu präsentieren? Ganz so weit geht die Zurücknahme der eigenen Person bei Rückriem dann doch nicht.

Bis 3.7., di – fr 16 – 19, mi bis 21, sa, so 11 – 13 Uhr, Tel. 02941/78 713, www. kunstverein-lippstadt.de

Quelle: wa.de

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