Werke der Neuen Sachlichkeit in Opherdicke

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Häuser wie Bauklötze zeigt Ludwig Weninger in „Die Stadt Hof mit Ziegelei“ (um 1925), zu sehen in Opherdicke.

Von Marion Gay HOLZWICKEDE - Das Mädchen am Tisch ist dünn und blass und in einen dicken Mantel gehüllt. In der Vase lässt die Rose den Kopf hängen. Das Bild „Mädchen mit blauer Vase“ malte Karl Hofer 1923. Es erzählt von traurigen Zeiten. Unter dem Titel „Zwischen Passion und Kalkül“ präsentiert das Haus Opherdicke rund 100 Werke der Neuen Sachlichkeit aus der Sammlung Frank Brabant. Mit dem Wiesbadener Sammler arbeitet der Kreis Unna seit 2011 zusammen.

Die Gemälde und Grafiken stammen aus den 20er und 30er Jahren, dazu gibt es wenige Ausnahmen aus den 40ern. Es sind Porträts, Landschaften, Stadtansichten, Stillleben und bedrückende Szenen, die den Alltag in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg mit Armut, Hunger und Kriminalität zeigen. Darunter Werke von Otto Dix, Walter Gramatté und George Grosz, aber auch von vielen, die nie bekannt waren oder vergessen wurden und heute als „verschollene Generation“ gelten. Insgesamt sind mehr als 70 Künstler vertreten.

Der Begriff „Neue Sachlichkeit“ wurde 1925 durch Gustav Friedrich Hartlaub, Direktor der Städtischen Kunsthalle Mannheim, für eine vielbeachtete Ausstellung gleichen Titels eingeführt. Später übertrug man den Titel allgemein auf die Kunstrichtung der Weimarer Republik von 1918 bis 1933, die sich mit ihrer klaren, schlichten Formensprache, dem strengen Bildaufbau sowie einer möglichst wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe der Realität deutlich vom Expressionismus unterscheidet. Stadtansichten wie „Die Stadt Hof mit Ziegelei“ (um 1929) von Ludwig Weninger zeigen Häuser geometrisch und aufgereiht wie Bauklötze, rot ragen die Schornsteine dazwischen auf. Auch der farbintensive „Bahnhofsplatz von Steglitz“ (1926) von Otto Möller fällt durch die klaren Formen der Hausfronten und Fahrzeuge auf. Das „Stillleben mit Bronzefigur“ (1928) von Marinus Schipper wirkt dagegen fast surreal. Der Teller mit den Äpfeln scheint auf der Serviette zu schweben, durch die Vase schimmert die Ecke des Zimmers, Schatten geben dem Ganzen etwas Unheimliches.

Ein Schwerpunkt der Schau, die anschließend leicht modifiziert im Kallmann-Museum in Ismaning zu sehen sein wird, liegt bei den Werken des kritischen Realismus. Der Triumph der Kriegsgewinner und die Dekadenz der High Society stehen im krassen Gegensatz zur hungernden Masse. So trotten die „Zeitungsträger“ (1921) von Georg Scholz ausgemergelt entlang der Fabrikschlote. Neben ihnen raucht der reiche Fettwanst seine Zigarre im Auto. „Die Bettlerin“ von Franz Masereel an der üppig verzierten Tür sieht aus wie ein Geist. Besonders drastisch ist Rudolf Schlichters Bild „Der Würger“ von 1938, an dem sich bereits die Schrecken des nächsten Weltkrieges ablesen lassen. Das Monster schlittert den Berg hinab. Mit einer Hand greift es nach den Sternen, mit der anderen umklammert es die abgetrennten Köpfe. Der Himmel ist schwarz.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 17.8., di – so 10.30 – 17.30 Uhr, Tel. 02301/ 9183972

www.kulturkreis-unna.de

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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