Das Werk des Fotopioniers Walker Evans in Köln

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Wie eine Filmszene: Walker Evans‘ Foto „Third Avenue Storefront“ (1959) ist in Köln zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Die Szene auf der Third Avenue könnte aus einem Film stammen. Wie die beiden jungen Männer vor dem Lederwarengeschäft daherschlendern. Vorbei am alten Mann, der ein Angebot prüft. Die Bildebenen mit den Mülltonnen vorn, dem Bürgersteig, den Ladenfronten. New York sieht aus, als hätte es Hollywood für uns aufgebaut. Dabei hat es Walker Evans 1959 für uns fotografiert.

Das Bild ist in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln zu sehen, als Teil der ersten umfassenden Retrospektive des US-Fotografen in Deutschland. Mehr als 200 Originalabzüge dokumentieren alle Schaffensphasen von Evans (1903–1975) von New-York-Szenen und Porträts aus den späten 1920er Jahren bis zu den experimentellen Polaroids, die er 1973/74 aufnahm. Die Ausstellung wurde von James Crump ursprünglich für das Cincinnati Art Museum zusammengestellt. Die meisten Exponate stammen aus der Privatsammlung von Clark und Joan Worswick.

Berühmt wurde Walker Evans als Chronist der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre im ländlichen Süden der USA. Damals bereiste er Alabama im Auftrag der Farm Security Administration, einer Behörde, die die Lebensbedingungen in der Landwirtschaft verbessern sollte. Seine Fotos und die poetische Reportage von James Agee kamen 1941 im Band „Preisen will ich die großen Männer“ heraus. Schon vorher waren sie im New Yorker Museum of Modern Art zu sehen. Zweifellos gehört Evans zu den einflussreichsten Fotokünstlern des 20. Jahrhunderts.

Von seiner Wirkmacht zeugt ein Kabinett, in dem er mit einigen Positionen zeitgenössischer Fotografie konfrontiert wird. Da sieht man, wie sich Stephen Shore, einer der Pioniere der Farbfotografie auf ihn bezieht. Und auch Bernd und Hilla Becher, durch deren Düsseldorfer Klasse die wichtigsten deutschen Fotografen von Andreas Gursky bis Thomas Struth gingen, fotografierten auf seinen Spuren den Blick auf den tristen Industrieort Bethlehem, Pennsylvania.

Evans ist berühmt als Vertreter einer dokumentarischen Schule der Fotografie. Er selbst sprach von „lyrischer Dokumentation“. Tatsächlich aber lässt sich seine Arbeit mit dieser Kategorie nur zum Teil beschreiben, wie gerade die thematische und formale Fülle der Schau belegt. Man betrachte nur die frühen Szenen aus New York. Er lichtet die Takelagen von Schiffen in Nahsicht ab, so dass sich vor allem ein grafisches, fast abstraktes Linienspiel ergibt. Er porträtiert seinen Freund und Förderer, den Schriftsteller Lincoln Kirstein, mit nacktem Oberkörper.

Kirstein wiederum regte 1931 Evans‘ nächstes Projekt an: eine Publikation über die viktorianische Landhäuser, die vom Verfall bedroht waren. Diese Fotos nehmen vieles vorweg, was die Bechers später zur Perfektion entwickeln sollten. Evans zeigte Häuser frontal, in der Totalen, nüchtern. Allerdings nutzte er Seitenlicht mit den Kontrast setzenden Schattenfällen. Es gibt einige Themenfelder, die er sehr früh erkundete, seien es Erkundungen mit versteckter Kamera in der U-Bahn 1938, sei es die Straßenfotografie – 1937 nimmt er eine Zeitungsleserin, 1941 einen Passanten in Strickjacke auf. Und Blicke wie den auf die Tankstelle am Straßenrand in der Bergmannssiedlung in Lewisburg (1935) mit den markanten Leitungsmasten und dem Hinweisschild „Gas“ machte er zu Ikonen der Landschaftsfotografie. In späten Jahren entdeckt er die monumentale Landschaft von Nova Scotia, porträtiert da aber ebenso eine alte Scheune wie den Fotografenkollegen Robert Frank.

Er interessierte sich früh für Schrift, für Zeichen. 1946 fotografiert er den Eingang eines Theaters in Chicago mit seinen Werbeplakaten und die monumentale Werbung für Pabst Blue Ribbon Beer am Highway, und selbst die Anzeigetafel mit Aufstellungen von Baseball Teams hat für ihn Bildwert. Hier deutet sich schon sein Spätwerk an, die farbigen Polaroids von 1973 und 1974, bei denen er Schriftzeichen und Straßenmarkierungen in Nahsicht, als isolierte Ausschnitte der Wirklichkeit, nimmt. Fragmente der Realität, bei denen ein Richtungspfeil auf einmal die Hauptrolle übernimmt. Dazwischen gibt es dann Exkurse: Eine frühe Südseereise, die er fotografisch dokumentierte, und eine Kuba-Reise. Aufnahmen afrikanischer Kunstobjekte für das Museum of Modern Art.

Angesichts dieser formalen und thematischen Fülle engen stilistische Etiketten nur die Wahrnehmung ein. In Köln ist einer der wegweisenden frühen Fotografen in einem Werkquerschnitt zu entdecken, der fünf Jahrzehnte umspannt.

Walker Evans, Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur, Köln. Bis 20.1.2013. do – di 14 – 19 Uhr, Tel. 0221/ 88 895 409, http://www.sk-kultur.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 49,80 Euro

Quelle: wa.de

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