Wim Wenders' Landschaftsfotografien im Kunstpalast Düsseldorf

Wim Wenders Fotografie „Forest in Brandenburg, 2014“. - Foto : © Wim Wenders/Courtesy Blain/Southern

Von Achim Lettmann - DÜSSELDORF An Edward Hopper erinnert Wim Wenders nur mittelbar mit seiner Fotografie zu einer amerikanischen Landschaft und menschenleeren Häusern. Der Filmemacher, der heute Abend seine Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast eröffnen will, denkt vor allem an den US-Maler Andrew Wyeth, der zur Blüte von Pop Art und Abstraktion detailreich und realistisch arbeitete und sich Techniken von Dürer und Michelangelo abschaute.

Ihn würdigt Wenders mit der Fotografie „Wyeth Landscape“ (2000). „Mutig war er, das muß man wohl sagen!“ schreibt Wenders im Bildtext dazu. Zur Zeit von Warhol, Pollock und Reinhardt hatte sich Wenders selbst 1966 für ein Kunststudium in Paris entschieden. In der Kombination von Fotografie und Text schließt Wenders nun den Ort, den er fotografierte hat, als visuellen Träger einer Empfindung auf. Hier ist es der Maler Wyeth, der ihm Respekt abnötigt. Gleichzeitig lässt Wenders erkennen, dass die Schauplätze seiner Fotografien immer aufs Menschliche zurückzuführen sind, selbst wenn niemand zu sehen ist.

„4 Real & True 2. Wim Wenders. Landschaften. Photographien“ ist eine Retrospektive zu Wenders fotografischen Arbeiten. 80 großformatige Exponate von 1976 bis 2014 sind im Kunstpalast opulent präsentiert. Es gibt zentrale Aufsichten und thematische Räume ohne strenge Ordnung zu den Fotografien, die Wenders eigentlich „Photographien“ nennt. „Sie können sich darauf verlassen“, sagte Wenders, „es ist nichts manipuliert.“ Der Filmemacher, der für seine Arbeit weder Stativ noch Kunstlicht benötigt, spielt auf die digitale Fotografie an, die er eine Form der „zeitgenössischen Malerei“ nennt. Er selbst trägt seine beiden Rollfilmkameras (6x17 und 6x7) allein zu den Orten, die ihn anlocken. Oder wie Wenders sagt, „die ihn gerufen haben“. Das klingt ein bisschen versponnen, aber aufrichtig.

Was hat ihn 2011 nach Fukushima gelockt? Nach der Atomkatastrophe nahm er die Natur in den Sucher und stellte später im Labor fest, dass sein Farbfilm merkwürdig verändert war. In Düsseldorf sind drei Aufnahmen zu sehen, die von einer grieseligen Schicht aus gelben, braunen und roten Punkten verunklart werden. Über die Motive Wald, Straße und Bahnstation („Fukushima I, II, III“) verdichtet sich diese Irritation zu einer Schwingspur. Für Wenders ist die atomare Strahlung für die Veränderungen im analogen Fotomaterial verantwortlich. „Ein digitales Bild zeigt die Radioaktivität nicht“, sagt Wenders.

„Ich möchte etwas erfahren“ ist die Losung. In Armenien hat er zufällig ein Riesenrad entdeckt, obwohl ihm der Taxifahrer lieber Klöster zeigen wollte. Nachdem er am ersten Tag spielende Kinder und am zweiten Tag einen Schäfer mit Cowboyhut vor dem mechanischen Ungetüm antraf, kam Wenders noch ein drittes Mal an den Ort, wo dieser Überrest der sowjetischen Besatzungszeit wie vom Himmel gefallen wirkt. Solche Momente sucht und findet Wenders. Und seine Methoden sind dabei ganz einfach. „Sind Menschen im Bild, interessiert sich jeder für die Menschen“, sagt er. In Düsseldorf ist „Ferris Wheel, Armenia“ (2008) zu sehen – einsam, melancholisch, überflüssig, surreal.

Düsseldorf, dort, wo Wenders 1945 geboren wurde, ist wichtig geworden. 2012 hat er eine Stiftung gegründet, die sein Werk vertritt und Nachwuchsförderung betreibt. Hier hat er den Helmut-Käutner-Preis 2004 erhalten, hier läuft anlässlich seines 70. Geburtstags (14. August) eine Reihe im Filmmuseum, und hier wird auch 2016 ein Ausstellungsprojekt verwirklicht. Beat Wismer, Direktor des Kunstpalasts, bleibt in diesem Punkt verschwiegen. Ansonsten feiert er Wenders mit den Worten, dass es sich bei der Ausstellung um „im besten Sinne klassische Fotografie“ handelt, die „aus Düsseldorf kommt“. Er erwähnt Andreas Gursky und Candida Höfer, die ebenfalls im Kunstpalast ausgestellt haben, und unterstreicht, dass Wenders bereits 1987 seine erste Fotoausstellung hatte und ein erstes Fotobuch herausbrachte.

Die Bilder in Düsseldorf demonstrieren, dass Wenders zu den Künstlern zählt, die viel von Amerika gelernt haben. Es war der Sehnsuchtsort einer Nachkriegsgeneration, die ihre Leitbilder jenseits des Atlantiks fanden. Die Schwarzweiß-Aufnahmen aus den 1970er Jahren sind Street-Fotografie: heruntergekommene Straßenzüge, kaputte Stadtteile, Häuserruinen. Zu „Pittsburg, Pennsylvania, 1976“ sagt Wenders: „Dort riecht es wie in Oberhausen.“ In der Ruhrgebietsstadt ist er aufgewachsen.

Die Fotografien sind „Erzählorte“ für den Regisseur, der eigentlich nur in seinen Filmen Geschichten erzählen will. „Das Salz der Erde“, ein Dokumentarfilm über den Fotografen Sebastião Salgado, und „Everything will be fine“, ein Roadmovie mit James Franco, sind derzeit in den Kinos. Oscar-Nominierungen und Filmpreise begleiten seine Karriere. Wenders zählt zu den wenigen deutschen Künstlern, die international für ihre Arbeit der letzten 40 Jahre geschätzt werden.

Als Filmregisseur interessieren ihn neue Techniken. In den 1980er Jahren war es das Videomaterial, heute ist es die 3D-Technik des digitalen Films („Pina“). Als Fotograf beklagt er, dass die aktuelle Kunstszene „Wahrheit und Echtheit“ nicht mehr ernst nehme. Fotograf Gursky schaffe auf fantastische Art neue Welten, sagt Wenders, „es ist aber nicht mein Ding.“

Hier sind nun seine Orte zu entdecken. Wie „Forest in Brandenburg“ (2014), als er das Gefühl hatte, dass Licht festhalten zu können. Oder „Ayers Rock, Uluru“ (1977) in Australien, wo ihn ein hergelaufener Retriever-Hund begleitete – den ganzen Tag. Als großformatige C-Prints verstrahlen die Farbfotos eine immense Brillanz.

Im November 2001 zeigt er die Aufräumarbeiten an Ground Zero in New York wie ein monströses Fanal der Gewalt, und auf „The Road of Emmaus“ bei Jerusalem (2000) scheint nur das biblische Motiv zu fehlen, so archaisch ist diese Aufnahme. Und natürlich gibt es auch für seine Filmfans etwas zu sehen. „Die Elbe bei Dönitz“ (2014), wo Hanns Zischler mit einem VW-Käfer in den Fluss flog. „Im Lauf der Zeit“ (1976) beendete nach „Alice in den Städten“ (1974) und „Falsche Bewegung“ (1975) die Trilogie, mit der er sich zum Autorenfilmer des Neuen Deutschen Films machte.

Die Schau

Opulente großformatige Retrospektive, die Filmregisseur Wenders als Farbfotografen feiert.

4 Real & True 2. Wim Wenders. Landschaften. Photographien im Kunstpalast Düsseldorf.

Eröffnung heute 19 Uhr, bis 16. August. di-so 11 – 18 Uhr, do bis 21 Uhr; Fotobuch bei Schirmer/Mosel, Museumsausgabe 29,80 Euro; Tel. 0211/566 42 160

www.smkp.de

Quelle: wa.de

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