„Welcome to Rocksburg“ beim Theater der Welt

Von Ralf Stiftel ▪ MÜLHEIM–Spätestens, als die Klemmen angelegt werden und der Mann auf dem Stuhl unter den Elektroschocks zittert, dass die Bühne vibriert, hat Südafrikas Wirklichkeit das Ruhrgebiet erreicht. „Welcome To Rocksburg“ heißt das Theaterstück von Mpumelelo Paul Grootboom. Es lief beim Festival „Theater der Welt“ in der Stadthalle Mülheim.

Grootboom arbeitet am Staatstheater Pretoria. Aber seine Ästhetik unterstreicht ihre Herkunft aus den Townships. Sein Stück mischt auf krude, eklektische Weise Stoffe und Erzählweisen von Klassik, Mythen, Kino und Comic. Der junge Khaya kommt aus dem Knast von Rocksburg frei. Er ist im Gesicht entstellt durch starken Haarwuchs, so dass ihn viele als „King Kong“ und „Affe“ verspotten. Er verliebt sich in Palesa, die Freundin eines Gangsters. Dessen älterer Bruder, der Bandenchef Ray, bringt Khaya dazu, bei einem Raubüberfall mitzumachen.

Das ist armes Theater, praktisch ohne Ausstattung. Auf der Bühne stehen zwei Perkussionisten, die die Handlung untermalen. Möbel werden aus Brettern und leeren Getränkekisten gebaut. Einmal fahren nachts zwei Limousinen vor: Die Akteure haben jeweils Scheinwerfer an Supermarkt-Einkaufswagen montiert. Mit ein wenig Motorenlärm vom Band genügt das, um die Szenerie aufscheinen zu lassen. Eine heftige Schießerei beim Raubüberfall wird mit Holzgewehren und Ölfässern gespielt. Die Schauspieler schlagen auf das Blech und lassen dadurch Schusssalven krachen.

Grootboom spielt mit Genres und Motiven. Sein Theater ist Pop, mit Tänzen und Schlagertiteln als Textzeilen: „What is this thing called love“ zumBeispiel, mit Action und Küssen, mit einem Nummerngirl und deftiger Komik. Das wird rasant gespielt und rutscht doch nie in reine Albernheit ab. Denn zwischendurch verfolgt das Stück stets ernste Absichten. Ist es nicht Volksaufklärung, wenn der Inspektor Max bei der Hure hört, dass seine Impotenz vielleicht mit seinem überhöhten Alkoholkonsum zu tun hat? Es wird viel getrunken in diesem Stück, und Grootboom zeigt die bösen Folgen, die das hat. Die Polizei wird als korrupt und brutal entlarvt. Politiker werden bezichtigt, in der Apartheid-Ära als Denunzianten gearbeitet zu haben. Und wenn Gangsterboss Ray meint, man könne googlen, wen der Präsident gerade gefickt habe, dann ist das bestimmt ein großer Lach erfolg. Südafrikas Präsident Zuma hat nicht nur drei Ehefrauen, sondern auch zahlreiche Affären.

Aber Grootbooms Theater erschöpft sich nicht in Kabarett-Pointen. Wie er die Nöte eines unterbezahlten, aber von einer Ehefrau mit bürgerlichen Ambitionen heimgesuchten Polizisten schildert, das zeugt von psychologischem Durchblick. Und der rasante Ghettothriller hat in seiner unmöglichen Liebesgeschichte mindestens so viel bei „Romeo und Julia“ gelernt wie bei „Die Schöne und das Biest“. Der Autor liebt die Literatur, lässt seinen durchtriebenen Gangsterboss Ray seine väterlichen Lebensweisheiten gern in Reime verpacken und bringt sogar ein Gedicht des britischen Poeten Sir Alfred Tennyson prominent ins Spiel, „The Flower“.

Grootbooms Lehrtheater wurzelt im Alltag der Townships, verzichtet dabei aber nicht auf ästhetischen Mehrwert. Die Verbindung von eingängiger Form mit gesellschaftlicher Verbindlichkeit könnte auch für die hiesige Bühnenpraxis Vorbild sein. Großer Beifall.

Festival bis 17.7.,

Tel. 0201/ 812 22 00,

http://www.theaterderwelt.de

Quelle: wa.de

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