„Im Weißen Rössl“: In Dortmund gelingt unterhaltsame Comedy

Was ist wieder passiert? Kathi (Johanna Schoppa) und Leopold (Matthias Störmer) haben die Ereignisse im Hotel im Blick. Aus der Dortmunder Inszenierung des Singspiels „Im Weißen Rössl“. Foto: sundermeier, stage picture

Dortmund – Mit böser Zunge könnte man behaupten: Das „Weiße Rössl“ ist wie eine Zuckertorte. Zuckerweiß, buttercremig süß, wenig Nährwert. Und von Peter Alexander auf immer und unwiederbringlich vereinnahmt. Da hilft nur Übertreibung: Regisseur Thomas Enzinger hat an der Oper Dortmund aus dem Singspiel „Im weißen Rössl“ von Ralph Benatzky (1930) ein Disneyland der zuckrigen Alpenkomödie gemacht.

Lichterketten zieren die Berggipfel. Der Himmel hängt, statt voller Geigen, voller Fenster zum Glück, die Läden mit Herzchen versehen. Planlos, aber möchtegernidyllisch sind Pferde und Kühe in der Landschaft platziert (Bühne und Kostüme: Toto). Und in der Mitte der zusammengebastelten Alpenterrassenkulisse ein weißer Pferdekopf mit rosa Zuckerrosen in der Mähne und schief grinsender Schnauze. Das Rössl persönlich gibt sich die Ehre. Um den Hals eine Austria-Schärpe. Zuviel des Guten?

Nein: Aus Übertreibungen und Gags, aus Karikaturen und Anspielungen an Film und Fernsehen hat Enzinger einen sehr lustigen Abend gebastelt, der als Comedy fürs Herz bestens funktioniert. Das Tempo stimmt. Auch vorhersehbare Witze funktionieren und werden bejubelt, gerade weil sie jeder kommen sieht, und weil sie gut eingepasst sind in den bonbonbunten Erzählfluss. Die Balance zwischen Ironie und Spielfreude stimmt. Es ist wirklich alles aus einem (Zucker)Guss. Dafür wurde auch keine Mühe gescheut. Der Chor wechselt dauert die Kostüme, taucht in Wanderkostümen und Dirndln auf. Man hat sich Tänzer gegönnt, die revuemäßig die Gesangsnummern begleiten, mal als steppende Badegäste, mal als Cupidos mit Bogen und Flügelchen (Choreografie: Ramesh Nair).

Manchmal steuert Enzinger über die Grenze der groben Übertreibung hinaus. Die Briefträgerin Kathi lässt er als dralle Bedirndelte über die Szene hüpfen. Johanna Schoppa fängt an zu rappen, mit Beatboxing. Da gibt es einen Rap über von der Leyen und Angela Merkel, der ein Fremdkörper bleibt, aber ansonsten ist bei Kathi immer Stimmung.

Kellner Leopold, Tausendsassa und unglücklich verliebt in seine Hotelchefin Josepha (Irina Simmes), schafft einen Spagat zwischen alberner Komik und echtem Gefühl. Matthias Störmer rennt wie Figaro persönlich zwischen „Hotelgästen“ und Tischen die Treppe rauf und runter, kassiert Ohrfeigen, belehrt seinen „Piccolo“ Gustl, und dabei kauft man ihm jederzeit den Liebeskummer ab, und das berühmte Lied „Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden“, bringt er mit ordentlich Tenorschmelz rüber. Tolle Leistung. Und weil ohne Leopold nichts geht, auch kein Kaiserbesuch, erklärt er das Publikum zur „österreichischen Bevölkerung“ und bringt ihm eine „Kaiserhymne“ bei, „aber bittschön, mit a bisserl mehr Ehrwürdigkeit!“ Dass ein ungebührig dazwischentutender Tubaspieler von Leopold als „Gelsenkirchener“ apostrophiert wird, geht als unvermeidlicher Lokalkolorit durch.

Als Fabrikant Wilhelm Giesecke aus Berlin gibt Steffen Schortie Scheumann auffallend das „Ekel Alfred“. Das Dortmunder Team hat Textzeilen unfrisiert gelassen, die heute eindeutig nicht mehr gehen. Als Giesecke die Speisekarte serviert bekommt, ruft er: „Zigeunergulasch? Ihr seid hier wohl Menschenfresser!“ Das ist halt der Stoff, aus dem das entstanden ist, was wir heute als Klischees kennen. Bühnenwerke bündeln die Witze und Vorurteile einer früheren Zeit.

Schon im „Weißen Rössl“ von 1930 wusste man das. Die Partitur enthält nicht nur eingängige Lieder, sondern auch Jazzanklänge, schmalzige „Volksmusik“, rumpelige Walzer als Kommentare der Figuren, die da lieben und leiden. In Dortmund ist fast der einzige Wermutstropfen im „Rössl“, dass die Dortmunder Philharmoniker unter Philipp Armbruster das zwar wirklich gut umsetzen, aber oft nicht gut herauszuhören sind, weil die Sänger über Mikrophone singen und die Stimmen von der Technik stark in den Vordergrund gezogen werden. Sehr gut schlägt sich auch der Dortmunder Chor.

Als verkörperte Vergangenheitssehnsucht taucht mitten in Alpenpanorama und Liebesverwirrung Kaiser Franz Joseph II. auf, gelassen verkörpert von Kammersänger Hannes Brock. Er mahnt zur Bescheidenheit, zum Sich-Arrangieren („S’ist nun einmal so“). Auch das bekommt Enzinger hin. Der Kaiser-Auftritt ist Parodie und Ruheinsel zugleich. Eine heikle naive Nummer wie das Lied von der „Himmelsbahn“ lässt er vom reisenden Professor (Frank Voß) so liebenswürdig singen, dass jedem Skeptiker das Herz gewärmt wird.

Überhaupt funktioniert eine solche Inszenierung nur mit Sängern, die sich für keinen Witz zu schade sind. Wie Opernbariton Morgan Moody als Sigismund mit seinem Klärchen (Karen Müller) turtelt, Steppschritte hinlegt und im Foxtrott „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ Selbstironie zeigt: toll. Fritz Steinbacher und Giulia Montanari sind ein stimmschönes und liebenswürdiges Paar als Doktor Siedler und seine Ottilie.

24., 30. 1.; 5., 8., 14., 16., 23., 29. 2.; 1., 7., 15., 21., 27. 3.; 4. 4.; Tel. 0231/5027 222; www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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