WDR: Exorzismus in „Teufels Werk und Gottes Beitrag“

Erinnerungen an den Exorzismus-Fall Michel. Szene aus dem WDR-Film „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Die junge Frau faucht wie eine Katze. Sie verdreht die Augen, wiegt ihren Oberkörper vor und zurück und streckt ihrem Gegenüber immer wieder die Zunge heraus. Manchmal spricht sie auch mit kehliger Stimme, was man kaum versteht. Ihr gegenüber sitzen zwei ältere Herren und beten den Exorzismus. Das sieht zwar aus wie in einem billigen Gruselfilm, aber es geschah wirklich. Die junge Frau, Sahra H., hält sich für besessen. Helge Cramer drehte bei der Teufelsaustreibung.

Die Dokumentation „Teufels Werk und Gottes Beitrag“ bietet noch mehr Szenen, die wirken wie ein B-Movie. Es ist alles schaurige Realität. Cramer hat schon über den spektakulären Fall von Anneliese Michel berichtet. Die epilepsiekranke Studentin hielt sich ebenfalls für besessen, und am Ende des Klingenberger Exorzismus 1976 war sie tot, verhungert, weil die „Dämonen“ in ihr die Nahrung verweigerten. Cremer vereint in seinem Beitrag drei Handlungsstränge: Er bereitet lange verschollen geglaubtes Material aus seinen alten Filmen über Anneliese Michel auf und fügt neue Aussagen von Bekannten hinzu. Das Grab entwickelte sich zu einem Pilgerort, man betreibt die Seligsprechung des Exorzismus-Opfers. Die Familie hatte die Frau sogar exhumieren lassen, weil eine Nonne prophezeit hatte, ihr Leib liege unverwest im Grab. Die Untersuchung bewies das Gegenteil, aber die Gläubigen halten sich lieber an Verschwörungstheorien als an Fakten.

Diese tragische Geschichte, bei der nie die Mitschuld der Kirche geklärt wurde, kontrastiert Cramer mit dem Fall Sahra H., die unter Teufelsgläubigen bereits als Nachfolgerin Anneliese Michels gehandelt wird. Der Reporter gewann ihr Vertrauen unter der Zusage, dass er ihre Glaubensäußerungen unkommentiert ließ. Es spricht aber für sich, wie sie darüber redet, was der Herrgott alles mit ihr vorhabe. Man muss das gesehen haben, wie Sahra H. nach dem Exorzismus die Hände einer Christus-Skulptur küsst, wie sie mit den Priestern singt „Heilig, heilig.“ Auch die Geistlichen und Teufelskenner um sie wie Winfried Zentgraf, der ein Internetforum betreibt, sprechen vor der Kamera. Keiner meint es direkt böse, aber in ihrer Kollektivhysterie wirkt ihr Treiben erschreckend sektenhaft. Und sie beugen schon vor, betonen selbst, dass ihre Arbeit keinen Erfolg haben wird. Weil, so ihre Begründung, Sahra H. ihre Besessenheit als Sühne „angenommen“ habe. Da läuft sich eine neue Märtyrerin warm.

Außerdem bringt Cramer Material aus Rom, wo Papst Benedikt sich lobend über die Exorzisten ausspricht. Don Gabriele Amorth, Chef-Exorzist des Vatikan, erklärt gleich am Anfang die Ausrüstung des Teufelsaustreibers und warnt: „Sie sind ohne Zahl, Milliarden und Milliarden von Dämonen!“ Der Teufelsglaube wird von interessierten Kreisen dazu benutzt, konservative Positionen in der Kirche voranzutreiben. Angeblich hat Satan aus dem Mund von Anneliese Michel diese „Wahrheiten“ verkündet: die Wiederherstellung des alten vorkonziliaren, autoritären Glaubensapparats. Die lateinische Messe, natürlich. Die Pius-Bruderschaft ist nicht weit. Der deutsche Papst wünscht sich einen Exorzisten für jede deutsche Diözese. Und es scheint, als sollten mittelalterliche Strukturen des Katholizismus reaktiviert werden. Cremers ruhiger, faktenreicher Film informiert über eine Parallelgesellschaft, die von der offiziellen Kirche schamhaft verschwiegen wird, die aber nebenan bereits lebt und kaum weniger radikales Potenzial hat als etwa Scientology.

WDR, Do., 23.15 Uhr

Quelle: wa.de

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