„Was von uns bleibt“ ist ein Roman von Golnaz Hashemzadeh Bonde

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Golnaz Hashemzadeh Bonde

Was hat eine Frau zu sagen, die eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen hat? Nahid muss eine Krebsdiagnose verkraften und die Aussicht, nur noch wenige Monate zu leben. So fangen viele Schicksalsberichte an, möchte man sagen, gehört der Tod doch zur Lebensphase, die immer wieder literarisch und medial reflektiert wird. Aber in dem Roman „Was bleibt von uns“ gelingt Golnaz Hashemzadeh Bonde eine so aufrichtige und ungeschönte Ansprache, das es einen sprachlos macht und erstaunt.

Nahids Mann Masood war vor einem Jahr überraschend gestorben. Beide mussten den Iran verlassen und hatten Schweden als Wahlheimat aufgesucht. Ihre Tochter heißt Aram, und Nahid tut sich schwer, ihr die Botschaft der Ärztin zu übermitteln, dabei kocht es in ihr, weil Aram sich nicht um sie, die Mutter, kümmert. Sie ist enttäuscht. Wer soll die Todesbotschaft zuerst hören? Die Freundinnen?

Die Autorin Golnaz Hashemzadeh Bonde stellt eine impulsive Frau vor, die in Rückblenden immer wieder ihr Leben heranholt, als sei das Vergangene gerade erst passiert. Im Selbstverständnis von Nahid ist das keine Strategie, sich interessant zu machen, sondern ein Bewusstsein, das sich aus der Fülle der Ereignisse auflädt, die ihr Leben bestimmt haben – in jedem Moment kann sich alles wieder zeigen.

Und Nahid hat viel erlebt, erlitten. Die Intensität und die Wahrhaftigkeit, mit der die Autorin davon erzählt und zu allgemein nachfühlbaren Szenarien kommt, die lässt einen nicht los. Auch weil sie sich immer wieder erhebt und den Leser anspricht, der Flüchtlingen begegnet und so seine Gedanken wie Bedenken hat. Dann heißt es: „Manchmal möchte ich allen sagen, die uns anklagen, hier hergekommen zu sein, um uns zu bereichern: Nehmt, was uns nicht gehört. (...) Glaubt ihr, ich hätte mehr gewonnen, als ich verloren habe? Und ihr selbst. Glaubt ihr denn, ihr hättet mehr verloren als gewonnen? Glaubt ihr, euer Verlust sei größer als mein Gewinn?“

Sie ist temperamentvoll, manchmal exaltiert, auch nervig. Aber der Roman „Was bleibt von uns“ ist keine Abrechnung mit der Selbstgefälligkeit der Mitmenschen, die es auch in Skandinavien gibt.

Golnaz Hashemzadeh Bonde ist als Flüchtlingskind in Schweden gelandet. Sie war auf der School for Economics so erfolgreich, dass sie eine Non Profit Organisation gründete, die Unternehmen mit sozialen Anliegen unterstützte. Sie schreibt Romane und „Was bleibt von uns“ ist ihr erstes Buch, das auch auf Deutsch erschienen ist.

Zur gelungenen Integration gehört aber auch die ganze Geschichte. In ihrem Roman ist Nahid der Star der Familie. Sie hat die Zulassung zum Medizinstudium bekommen. Ihre Mutter war das sechste von sieben Mädchen, zwangsverheiratet. Mädchen kosten nur Geld hieß und heißt es im Iran. Dass ihre Schwestern als Lehrerinnen und Forschungsassistentinnen arbeiten, ändert nichts an dem Grundsatz. Auch in Schweden, scheint es, schleppt Nahid diese Vorverurteilung mit fatalistischem Einschlag mit sich – Mädchen, Frau, Krebs.

Als sie Masood kennenlernt, findet die Revolution im Iran statt. Und Masood will mit einer marxistischen Gesellschaft über den Wertewandel der Ajatollahs hinausgehen. Dass es zum Drama kommen muss, schildert sie schweren Herzens und mit der Einsicht einer erwachsenen Frau. Dass bei einer Demonstration ihre Schwester Noora verschwindet und nie wieder auftaucht, ist die Bürde in Nahids Leben. Wie schwer solche Verluste, aber auch die Schläge von ihrem Mann, die Trennung von der Familie, von der Mutter wiegen, das schließt Hashemzadeh Bonde für uns mal mehr mal weniger auf.

Mit dem Alltag in Schweden ordnet und beruhigt sie ihren emotionalen Stil wie ihre episodenhafte Berichtsform.

Als Tochter Aram ein Kind erwartet, keimt bei Nahid die Hoffnung, mit diesem neuen Leben das verlorene von Noora auszugleichen. Angesichts ihrer Diagnose läuft die Zeit und ihr Schicksal fesselt.

Golnaz Hashemzadeh Bonde: Was bleibt von uns. Roman. Aus dem Schwedischen von Sigrid C. Engler. Nagel & Kimche Verlag, 219 S., 20 Euro

Quelle: wa.de

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