„Warten auf Godot“ bei den Ruhrfestspielen

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Wolfram Koch (links) und Samuel Finzi spielen in Recklinghausen Beckett: Szene aus „Warten auf Godot“.

Von Rolf Pfeiffer Recklinghausen -  Die Bühne hat ein Loch. Mit mehreren Metern Durchmesser und gelegen im Mittelpunkt der quadratischen Schrägebene ist es, sieht man von einem in den Zuschauerraum gerichteten Scheinwerfer ab, das einzige Stück Ausstattung der Inszenierung. Selbst das Bäumchen fehlt.

Doch das macht nichts. Becketts „Warten auf Godot“ – eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Theater Berlin – gehört zum Besten, was das Festival mit seinem doch recht durchwachsenen Programm in diesem Jahr zu bieten hat. Leichte Kost ist sie dennoch nicht.

Samuel Finzi und Wolfram Koch, zwei fernsehbekannte Gesichter, sind Wladimir und Estragon, jüngere Männer, denen die Last der Lebensjahre und der körperlichen Gebrechen noch nicht so zusetzt wie den Landstreichern früherer Inszenierungen. Eher sind sie Kollegen, Kumpel, Clowns. Ihre Haltung zum rätselhaften Godot wirkt wenig fatalistisch. Godot hat, so scheint es, für sie nicht wirklich etwas Finales, sondern ist ein Tagesordnungspunkt, der abgearbeitet werden muss. Kommt er, sind sie gerettet, kommt er nicht, sind sie verloren. Und was kommt danach? Einfach wegzugehen ist aber auch nicht möglich, denn dann könnte Godot böse werden und sie bestrafen. Das muss man alles abwägen. Die Begegnung mit Pozzo (Christian Grashof) und Lucky (Andreas Döhler) quittieren sie mit Erstaunen, ohne aber stark davon berührt zu sein.

Regie führte der in Bulgarien geborene Ivan Panteleev. Er hat die Inszenierung für den 2013 an Krebs verstorbenen Dimiter Gotscheff – von 1995 bis 2000 Hausregisseur in Bochum – übernommen, der sie eigentlich am Deutschen Theater realisieren wollte. Die Regie führt auf ebenso tragische wie burleske Weise vor, dass am vorgeblich absurden Theater Samuel Becketts kaum etwas absurd ist. Vielmehr leuchtet sie, dem exzellenten, präsenten Spiel der beiden Hauptdarsteller sei Dank, vor dem Hintergrund existentieller Geworfenheit die Abgründe und Untiefen des Zwischenmenschlichen unnachgiebig aus. Godot trägt, solange er nicht kommt, erheblich zur Stabilisierung der Beziehung bei. Samuel Finzi und Wolfram Koch führen eine Paardynamik vor, die Agonie nicht zulässt. Deshalb ist es nur konsequent, wenn sie beispielsweise spontan und aus Spaß eine Runde „Luft-Tennis“ ohne Bälle und Schläger spielen, während sie auf Godot warten.

Mit der schrägen Spielebene und dem Krater in Bühnenmitte ist die Bühne (Mark Lammert) zwar schon rein topographisch ein Ort für Abstürze und elementares Scheitern, doch macht sie auch pompöse Auftritte möglich – so, wenn Wladimir am Kraterrand eine optimistisch aufgeladene Volksrede über das Wertvolle im Warten auf Godot hält, während vor ihm der erblindete Pozzo (Christian Grashoff) dem Krater nicht zu entkommen weiß. Denn es geht ja auch ums Warten, das hier ebenso als Metapher vorgeblicher Sinnhaftigkeit steht wie als Synonym für Qualen.

Mit ihren zwei Stunden 15 Minuten beteiligt diese Inszenierung das Publikum durchaus am nervenzehrenden Nichtgeschehen, ohne unsinnige Längen zu entwickeln. Auf eine Pause wird verzichtet, allerdings kündet eine (mit technischem Geläut untermalte) Bewegung des Eisernen Vorhangs in der Dunkelheit von der großen Zäsur zwischen ersten und zweitem Teil. Gegen eine Pause hätte an der Stelle nichts gesprochen, das Publikum wäre bestimmt zurückgekommen. Schon wegen der hervorragenden Darstellerriege.

7., 8., 9.6., Tel. 0 23 61/92 180, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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