Wandteppiche – „Textil. Bild. Kunst“ im MKK in Dortmund

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Erzählerisch: Inge Goethert-Merz entwarf den Wandteppich „Eulen“ 1960 für das Trauzimmer im Rathaus Hamm.

Von Achim Lettmann -  DORTMUND Farbig, riesig und modern waren sie, Hingucker und Sinnbilder für moderne Architektur – Wandteppiche in den 1950/60er Jahren. Baumeister wie Egon Eiermann favorisierten die Textilien für die Wände der kühlen Beton- und Stahlbauweise dieser Zeit. Wandteppiche sorgten für dekorative Werte, für Wärme und dienten als Schalldämpfer. Sie zählten zur Kunst am Bau, für die ein fester Teil der Investitionssumme vorgesehen war. Vergangenheit.

Heute liegen viele dieser Zeitzeugen eingerollt in dunklen Ecken. Für eine Ausstellung in Dortmund sind Wandbilder von Elisabeth Kadow, Hubert Berke und Harry Fränkel aus den Beständen des Opernhauses ans Licht geholt worden. Ihre Geschichte wird im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) erzählt. Außerdem steht die künstlerische Bedeutung des Wandteppichs im Fokus, rund 120 Exponate sind in Dortmund zu sehen. „Textil. Bild. Kunst. Das textile Wandbild nach 1945“ ist eine ganz ungewöhnliche und verdienstvolle Ausstellung. Auch weil heutzutage Stoffe in der Kunst wieder an Bedeutung gewinnen.

Von 1966, dem Eröffnungsjahr, bis 2008 hingen sechs Wandteppiche in der Dortmunder Oper. Dann wurden sie wegen Brandschutzbestimmungen abgenommen. Gisela Framke vom MKK Dortmund rettete mit ihrem Team fünf Wandbilder. Feuchtigkeit hatte bereits das Gewebe angegriffen und in zwei Fällen sogar Kettfäden aufquellen lassen. Gereinigt und restauriert wurden die Stücke dann in Köln und Paris. Ein Entwurf von Hubert Berke ist allerdings ganz verschwunden und nur als Fotoprint in Dortmund zu sehen.

Kadow, Berke und Fränkel materialisierten ihre künstlerische Arbeit in den Wirkbildern. Hubert Berke (1908–1979) gelingt es mit dem Wandbild „Dortmund I“ (1965), das fast sieben Meter breit und drei Meter hoch ist, das gestische Moment seiner Abstraktion anzudeuten. Elisabeth Kadow (1906–1979) zeigt in der ebenso großen „Komposition XVII (Dortmund I)“ mit schmalen, scharf von einander abgesetzten Flächen, dass die Op-Art der Zeit sie beeinflusste. Unruhig und flackernd wirkt ihr farbiges Textilbild auf der einen, offen, weit und farbreduziert auf der anderen Seite – ein abstrakter Kosmos. Harry Fränkel (1911–1970) dagegen schafft organisch anmutende Flächenabstraktionen, die vom Spektrum abgestimmt sind. Sein Wandbild „violett“ (Dortmund I) wirkt wie ein fantastischer Abendhimmel.

Alle Wandbilder wurden von der Nürnberger Gobelin-Manufaktur (NGM) ausgeführt. Irma Goecke (1895–1976) leitete die führende Teppichweberei bis Ende der 1960er Jahre. 1941 noch von den Nationalsozialisten gegründet, wurden nach 1945 keine NS-Prunkbauten mehr von der NGM ausstaffiert. Irma Goecke wollte „alle Strömungen bedienen“. Goecke hatte an der Kunstgewerbeschule Dortmund (1920–1940) gelehrt. In der Ausstellung ist ihre großflächige Bildwirkerei „Souvenirs“ (1970) zu sehen, die wie eine Erinnerung an Frankreich und Paris wirkt, mit Eiffelturm und Notre Dame, Sonne, Mond und Weintrauben. Eine gegenständliche Kunstauffassung, wie sie vor allem in Frankreich aktuell geblieben war. Spielerisch und überbordend feiert zum Beispiel Jean Luçrat die Metropole an der Seine. „Soleil de Paris“ (1962) stilisiert den Eiffelturm als Teil einer lyrischen Naturillusion mit Sonnenkreis, irrwitzigen Fischen, Blättern und Sternen überall. Solche Teppiche wurden in Aubusson gefertig, wo auch Picasso, Matisse und Sonia Delauney Wandbilder ausführen ließen.

Heute geben Künstler wie Gerhard Richter wieder Teppiche in Auftrag. Allerdings unterstreichen die digital gesteuerten Webstühle das Bildhafte und Glatte der Textilfläche, weiß Gabriele Koller. Sie hat die Ausstellung mit kuratiert und wollte noch Beispiele aus Bonn präsentieren, wo Bundesministerien bis 1999 mit textiler Kunst bestückt waren. Ein Entwurf von Georg Meistermann kann in Dortmund nicht gezeigt werden. „Nicht auffindbar“, sagte man Gabriele Koller, die erfahren hat, dass textile Kunst einfach verschwindet.

Aus Hamm ist ein farbstarker Wandteppich von Inge Goethert-Merz zu sehen. „Eulen“ (1960) hat in einem Trauzimmer der Stadt gehangen, das renoviert wurde, sagte Gisela Framke. Wo diese Arbeit demnächst präsentiert wird, wisse sie nicht.

In Dortmund sind gerade die Stücke zu sehen, die diese Kunst so einzig machen, wie ein Bildgewebe von Hedwig Klöckner-Triebe (von 1971). Der Webstuhl dient hier nicht mehr als Grundlage. Klöckner-Triebe schafft filigrane und wechselvolle Strukturen, Ebenen und Formen. Zu ganz eigenen Auffassungen kamen auch Liselotte Engelhardt, Karl Wollermann, Alen Müller-Hellwig, Lotte Hofmann, Inge und Fritz Vahle. Elisabeth Kadow, die am Bauhaus in Weimar gelernt hatte, beendete ihre Arbeit mit der NGM 1968. Allerdings zeigt das Werk „Komposition I“ (1953) noch die Bauhaus-Schule, wie sie auf schlichten Flächen Ornamente und Strukturbilder erprobt – Designgeschichte.

Die Schau

Ein vergessenes Kapitel der Kunstgeschichte: Großartige Wand- und Webbilder sensibilisieren für textile Stoffe. Textil. Bild. Kunst. Das textile Wandbild nach 1945 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund. Bis 22.3.2015; di – so 10 bis 17, do bis 20, sa 12 – 17 Uhr;

Tel. 0231 / 50 25 522

www.dortmund.de/mkk

Katalog 15 Euro

Quelle: wa.de

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