Wandern im Ruhrgebiet: Ein Probelauf zur Haldensaga

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Notfalls mit Regencape: Eine Strecke der Haldensaga führt nach Bottrop auf die Halde am Bergwerg Prosper Haniel mit der Holzpfahlinstallation „Totems“ des baskischen Künstlers Agustin Ibarrola. ▪

Von Anja Hirsch ▪ BOTTROP–Zu Nachtwanderungen der besonderen Art laden am 23. Juli die Organisatoren der Kulturhauptstadt Ruhr.2010. Unter dem Motto „Haldensaga“ werden 29 geführte Touren über Halden zwischen Moers und Bergkamen angeboten. Die Veranstalter hoffen auf 12 000 Besucher. Unsere Mitarbeiterin lief bei der Probetour mit.

Mit Schnitzeljagd hatten wir nicht gerechnet. Pfeile am Boden in Neonfarben, die in beide Richtungen zeigen. Knicklichter in Bäumen, die Kreuzungen säumen. Runen der neuen Zeit, die in der Ferne leuchten. Können wir denn verloren gehen? Am Startpunkt zur Bottroper Halde Haniel machen sich zwei Rennradfahrer im Trikot bereit, den Weg zu markieren, den wir erwandern werden. Wir lassen ihnen Vorsprung und bangen ein bisschen um deren dünne Räder. Wald statt Stadt – sind die doch gar nicht gewohnt. Dann setzen auch wir uns in Bewegung, bilden eine etwas träge, aber rüstige Wandergruppe, zusammengehalten von netten Pfadfinderinnen, die wie aufgeregte Hirtenhunde vor und zurücklaufen. Es riecht nach Gewitter, ein Vogel zwitschert, das Klackern der Sprühdosen haben wir noch im Ohr, die Nacht schon im Blick. An der Spitze läuft unser Guide, mit Fähnchen, signalroter Weste und einer grellgrünen „Faktentasche“, was beruhigend klingt: Fakten!

5000 Äpfel, 33 Zelte, ein Funknetz, das für sekundenschnelle Kommunikation unter den acht Halden sorgt, dazu über 120 Erzähler, sogenannte „Nachtdozenten“, sind Teil der „Haldensaga“, einer Aneignung der Metropole Ruhr per Fuß und Geschichten durch eine ganze Nacht, am 23. Juli, von 18 Uhr abends bis 6 Uhr morgens, je nach Ausdauer. Ein gigantisches Projekt, an dessen emsiges Räderwerk man nicht mehr denkt, ist man erst einmal angetreten, die Höhe zu erkunden.

Der Weg ist noch eben, Laubbaum beschattet, der Abend jung. Wildgänse kreuzen den Weg wie fremde Wesen. Winzige, braune Grasfrösche springen auf, und man sieht sie schon im Sohlenprofil der Wanderschuhe feststecken – lieber behutsam auftreten. Was da so lila am Rande blüht? Springkraut? Nö, ich glaub' Orchideen, sagt einer. Und da fällt es einem wieder ein, dass unzählige Orchideenarten sich auf den Halden angesiedelt haben. Vegetativer Wandel.

Wandel ist überhaupt das Stichwort, und erst nach der Überquerung der ohrenbetäubenden Autobahn, die wir eine kurze Strecke flanieren, rechts der Wald, links rasendes Metall, lange bevor wir im leisen Wind auf dem kahlen, schwarzen Haldengipfel stehen, atemlos ob der Steigung und des apokalyptischen Ausgucks über die unendliche, rauchspeiende Ruhrebene, füllt unser erster Nachtdozent das Wort „Wandel“ mit Leben: Andreas Meyer, Kind eines Kohlenhändlers, heute Gastführer. Wir bilden einen Halbkreis. Gruppenformation haben wir inzwischen geübt, auf Zuruf Spaliere für Radfahrer und Jogger gebildet und auf Langsamere gewartet. Für Meyers Rede sollte man die Augen schließen. Ob er wohl mal Novalis gelesen hat? „Nach Norden, in die Tiefe“, raunt er irgendwann, und die Worte klingen wie aus alter Zeit. Meyer hat für Romantik aber keinen Sinn. „Hirte, Feuer, können Sie googlen, erzähl' ich jetzt nicht“, sagt er wegwerfend mit Blick auf eine ruhrgebietsbekannte Sage – und breitet stattdessen mit klaren Worten das Nichts aus, in dem hier alles begann: Bauernland.

In der Erde schlummerte schon das Elexier der Gier, um das die Zechen aus dem Boden schossen, nicht etwa um die Menschen herum wie in Paris oder vergleichbaren europäischen Ballungsräumen. Ein gewaltiger Boom begann, der mit der Kohle sich gen Norden ausdehnte. Abteufen. Niederbringen. Mit Abraum aufschütten. Wunderbare Worte für harte Arbeit. Und man bekommt ein Gespür fürs Chaotische dieses urbanen Wandels der letzten 150 Jahre, „wild und unlegitimiert“, alles auf Wachstum orientiert, redet sich unser Nachtdozent in Rage. Und 2018 also das Aus? Das ist, als reiße man mit der Zeche das Herz des Stadtteils heraus. Plötzlich wirkt er wie ein Gewerkschaftler, nur ohne Megaphon. Aber wir müssen weiter, weiter, zum Sonnenuntergang.

Rauf auf „Monte Schlacko“. Die Künstlerin Tisa von der Schulenburg hat einen Kreuzweg gestaltet. Die Gespräche verebben, man ist jetzt mehr für sich. Manchmal hält unser Guide: Will wer aussteigen? Bald lichtet sich das Grün, wir laufen wie auf erkalteter Vulkanasche. Oben auf dem Gipfel, in 159 Meter Höhe, liegt uns alles zu Füßen. Irgendwann schießt eine Lichtrakete gen Himmel, das Signal für den Beginn eines Radiokunststücks der Gruppe LIGNA, das wir auf kleinen Geräten per Kopfhörer empfangen können. Dann geht es wieder hinab in die Nacht.

„Haldensaga“ ist weniger Event als die Einladung, selbst eine Geschichte zu erleben, Empfänger und zugleich Sender zu sein. Immer wieder anders. Vor Haus Teervord, um das sich seit je Geistergeschichten ranken, steht am 23. Juli zum Beispiel ein Verschwörungstheoretiker. Ein anderer fährt mit seinem Wohnwagen voller BVB-Heiligtümer vor und schildert vergangene Fußballspiele. 1000 Geschichten, eine Idee. Wer hält wohl die Nacht durch?

Bleibt der Wunsch nach gutem Wetter. Regen ist hinzunehmen. Aber bei drohendem Gewitter mit Blitzeinschlag wird alles abgeblasen. Sicherheit steht für Ralph Kindel, den technischen Projektleiter, an erster Stelle. „Stillleben“ hat er unter anderem schon gestemmt. Die neue Vision ist stiller, mystischer. Wir könnten verborgene Geschichten sichtbar machen, uns austauschen wie am Lagerfeuer, nur etwas bescheidener an Lichtschalen, die an Nachtrastplätzen bereit stehen. Schlafen und Wandern. Dazwischen ein Picknick (bitte mitbringen plus Decke; es gibt nur Snacks). Die Nacht verspricht mehr zu werden als eine Schnitzeljagd.

„Das wird kein Spaziergang!“ warnen die Macher und empfehlen für die „Haldensaga“ Wanderschuhe, Taschenlampe, Proviant und warme Kleidung. Die Streckenlänge variiert von 13 bis 21 Kilometer, so dass jeder eine leistungsgerechte Strecke wählen kann.

Tel. 01805/18 16 50 (Festnetz 14 ct./Min.)

http://www.haldensaga.de

Quelle: wa.de

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