Waltroper Hallenbad am „Tag der Architektur“ zu besichtigen

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Helle Halle, funktionales Becken: Schulsport im Waltroper Schwimmbad. ▪

WALTROP ▪ „Wasser macht das schönste Blau“, sagt der Architekt Dirk Neugebauer und schaut auf die 25-Meter-Bahnen im neuen Schwimmbad Waltrop. Der klare blaue Farbeindruck wird durch natürliche Lichtbrechung erreicht.

Von Achim Lettmann

Dabei sind die Beckenfliesen ganz weiß. Neugebauer hatte sich für eine kostengünstige Industriefliese entschieden, die den Preis fürs kommunale Bad nicht belastet. Der Architekt musste preiswert bauen („Der kleinste gemeinsame Nenner“) und hat dennoch mit seinem Büro ein ansprechendes Hallenbad entworfen. Der kastenartige Baukörper bietet Modernität, die funktional, schlicht und sportgerecht wirkt. Waltrop begegnet dem Notstand bei öffentlichen Bädern mit einer kompakten Lösung für nur 2,2 Millionen Euro. Am „Tag der Architektur“ ist die Anlage zu besichtigen.

Die Zahl der Hallenbäder nimmt in Westfalen ab. Die Deutsche Lebens-RettungsGesellschaft (DLRG) zählte 15 Einrichtungen, die in den letzten fünf Jahre geschlossen wurden. 23 seien gefährdet, geht aus einer Erhebung der DLRG Westfalen hervor. Kommunen streichen Wasserflächen, reduzieren ihr Zuschussgeschäft. Doch wo lernen Kinder schwimmen? Gehen Wassersportvereine baden?

In Waltrop musste das Allwetterbad schließen, und im Freibad war das 50-Meter-Becken sanierungsbedürftig. Aus dieser Pattsituation befreiten sich Stadt, Schulen und Vereine, indem sie mit Architekten und Technikern ein Hallenbad auf den Weg brachten, das die Grundversorgung garantiert. „Wenn das nicht mehr geht, bricht sehr viel weg“, sagt Neugebauer, der auch mit anderen Kommunen im Gespräch ist. Waltrop hat seinen jährlichen Zuschuss für Bäder von 1,2 Millionen Euro auf rund 300 000 Euro gesenkt.

25 Meter lang, acht Meter breit (drei Bahnen), 2,60 Meter tief (mit Hubboden 1,80 bis 0 Meter) misst das Becken in Waltrop, das samt Sozialräumen und Technik ins alte 50-Meter-Becken des Freibads passt. So wurden Erd- und Sanierungsarbeiten gespart. Neben dem Gebäude lugen noch die Startblöcke (1 bis 8) aus dem Baugrund. Es war einmal.

Aktuell setzt das Waltroper Bad Maßstäbe in der Planungsmethodik. Bereits bei der Grundrissbestimmung haben die Architekten mit Technikern zusammengearbeitet. Wo wird die Lüftung gebraucht, wo werden die Filter gesetzt, wie wird die Technik im Bad organisiert? Kosten einsparen wurde zum Planungsprinzip. Und die Funktionalität automatisch zum gestalterischen Maßstab. Also wie damals, als es an der Schule für Gestaltung, dem Bauhaus, noch hieß: Form follows function. Dieser Lehrsatz ist nach den Architekten Louis Sullivan, Adolf Loos und Walter Gropius allerdings zusehends zur Phrase verkommen. Auch für Dirk Neugebauer klingt er etwas überstrapaziert.

Dennoch ist in einer aktuellen Variante der Kostendruck ein Impuls, wieder mehr funktional zu bauen. Und das so gestaltete Gebäude dient vor allem dem Eigentlichen: dem Schwimmen. In unserer Freizeitgesellschaft, wo immer mehr Wasseroasen und Maximares die Bäderlandschaft bestimmen, wirkt das einfach gestaltete Gebäude wohltuend und trendresistent. Auch die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft hat die Entwicklung vom Schwimmsport zum Schwimmspaß festgestellt.

In Waltrop ist frühzeitig an die Nutzung gedacht worden. Der Bademeister kann von einem zentralen Ort das Foyer und die ganze Schwimmhalle übersehen. Die Umkleidekabinen sind über einen kurzen Stichgang zu erreichen. Durch die Duschen geht es gleich ins Hallenbad. „Hier verläuft sich niemand“, sagt Dirk Neugebauer. Am Nachmittag und Abend können Vereine ohne Bademeister den Schwimmverkehr regulieren. Ein Bürgerbadverein soll künftig den Betrieb des Hallenbads übernehmen.

Parallel zur Halle befindet sich auf 25 Meter Länge die gesamte Technik im Obergeschoss. Jeder Raum im Gebäude lässt sich so direkt versorgen – ohne aufwendige Leitungszuläufe. Eine Gasbeheizung mit Wärmerückgewinnung sorgt für gute Verbrauchswerte. „Man hätte auch mit alternativen Techniken arbeiten können“, sagt Dirk Neugebauer. Aber das beste Sparpotential liege im kompakten Bauen, weniger Flächen und begrenzte Fenster, sagt der Architekt, der in Dortmund studiert hat. Denn große Scheibenfronten heizen das Bad im Sommer zu sehr auf, kosten in der Anschaffung viel Geld (statt Standardformate) und müssten aufwendig gereinigt werden. Auch Lampen befinden sich nicht unter der Decke des Hallenbads. Hubpodeste würden die Wartung verteuern. Unterwasserlampen leuchten auch übers Wasser.

Für das Architekturbüro Neugebauer in Waltrop ist kostenorientiertes Bauen kein Makel. Vor allem Anlagen aus Eigentumswohnungen sind von den Architekten realisiert und scharf kalkuliert worden. Seit 1995 werden Industriegebäude und Einfamilienhäuser geplant und Altbauten saniert. Für Dirk Neugebauer, Jahrgang 1962, ist das Schwimmbad Waltrop auch ein Glücksfall, weil er um sein Hobby herum ein Haus bauen konnte. Der gebürtige Lünener ist Wassersportler, aktuell Taucher. Deshalb weiß Neugebauer, dass jedes zweite Hallenbad zu glatte Fliesen hat. Auch dieses Problem hat er mit soliden Fliesen (sand-grau) und Feinsteinzeug (anthrazit-grau) im Umkleidebereich gelöst. Keine Rutschgefahr!

Von außen sind die Schwimmhalle in Altweiß und die Sozialräume in verschiedenen Blautönen farblich abgegrenzt. Die Funktionen sind ablesbar. Schwimmen ist wieder einfach und möglich.

Sonntag, 24. Juni, 14 bis 16 Uhr zur Besichtigung geöffnet, Riphausstr. 33, 45731 Waltrop

Der 17. „Tag der Architektur“ findet am 23./24. Juni statt. in 164 Orten Nordrhein-Westfalens sind rund 450 Gebäude geöffnet und stehen zur Besichtigung bereit. Leitthema ist „Energie“, also mit welchen Mitteln Bauherren den Energiebedarf ihrer Immobilien senken können. Außerdem sind einfach besondere Bauwerke und aktuelle Baukultur zu sehen. http://www.aknw.de

Quelle: wa.de

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