Walter J. Gehring erzählt von der Evolution

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Genforscher Walter J. Gehring

Von Ralf Stiftel - Als Laie versteht man kaum etwas, wenn ein Entwicklungsbiologe von Transdetermination spricht, von Homeoboxen und Masterkontrollgenen. Es sei denn, Walter Jakob Gehring erzählt. Der Schweizer Genetiker (1939–2014), der an der Universität Basel lehrte, schafft es, dass man ihm gebannt lauscht, wenn er im Hörbuch „Das Basteln der Evolution“ Grundlagen der Evolutionstheorie ausbreitet.

Hörbücher sind meistens vorgelesene Literatur. Es geht auch anders, wie der Berliner supposé-Verlag zeigt. Dessen Gründer Klaus Sander besucht Menschen, die etwas zu sagen haben, und lässt sie frei sprechen. Ohne Drumherum, ohne Einleitung, ohne Erklärtexte, ohne Fragen.

Auf „Das Basteln der Evolution“ hört man zwei Stunden lang die belegte, etwas kurzatmige Stimme Gehrings, der mit schweizerischem Zungenschlag scheinbar richtungslos daherplaudert. Angenehm verständlich und nachvollziehbar wird das, weil er sich immer wieder auf seine Biografie bezieht. Gleich am Anfang erklärt er, wie er „als kleiner Bub“ zur Biologie gekommen ist: Sein Onkel hatte ihm ein Päckchen mit Raupen geschickt, die sich schon verpuppt hatten. Erst war der Junge enttäuscht. Aber als die Schmetterlinge schlüpften, war er begeistert: „So etwas Schönes hatte ich kaum je gesehen.“

Tatsächlich aber fügt sich das, was vermeintlich so beiläufig daherkommt, zu einer präzisen Einführung in zentrale Gedanken der Evolutionstheorie. Gehring hat dazu einige Beiträge geleistet. Der mit dem Balzan-Preis und dem Kyoto-Preis ausgezeichnete Biologe entdeckte Belege dafür, dass sich die Augen aller Tiere auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführen lassen und dass das Kontrollgen Pax-6 die Entwicklung dieser Organe bei Fruchtfliegen, Mäusen und Menschen gleichermaßen steuert. Das ist nicht nur ein starkes Argument für die Darwin’sche Evolutionstheorie. Es hat auch möglicherweise praktische Konsequenzen, weil Mediziner mit diesem Wissen vielleicht einmal altersbedingte Erblindungen heilen können. Gehring erzählt davon auf der zweiten CD, und obwohl sein Ton völlig sachlich bleibt, spürt man persönliche Betroffenheit: Die Mutter des Forschers litt an einer Ablösung der Netzhaut. Von einer Therapie hätte auch sie profitiert.

Die Positionen Gehrings und seine Versuche lösten nicht immer Begeisterung aus. Tierschützer versuchten, ihn als Frankenstein-Experimentator hinzustellen, weil er zum Beispiel bei Fruchtfliegen durch Gen-Manipulationen Augen an Beinen und Fühlern wachsen ließ. Der Forscher verschweigt solche Kritik nicht. Er reagiert altersweise, abgeklärt: Er liebe seine Fruchtfliegen und sorge auch an Feiertagen dafür, dass sie ausreichend Nahrung hätten. Die entwaffnende Offenheit beeindruckt auch den Hörer, der den Versprechungen der Genforschung weniger zutraut als Gehring selbst.

Weltweit steht die Evolutionstheorie in der Kritik religiöser Fundamentalisten, die versuchen, den „Kreationismus“, also das Konzept einer göttlichen Schöpfung, als wissenschaftliches Konzept zu etablieren. Gehring hat vorzügliche Gegenargumente. Und er versteht sich auf subtile Seitenhiebe, zum Beispiel wenn er Darwin lobt, dass er in seiner Darstellung über den Ursprung der Arten ein Kapitel den Schwierigkeiten der Theorie gewidmet habe. „Zeigen Sie mir ein anderes Buch, in dem ein ganzes Kapitel den Schwierigkeiten gewidmet wird. Also, gibt nicht viele.“

Das Basteln der Evolution. Walter J. Gehring erzählt eine genetische Theorie der Entwicklung. Supposé Verlag, Berlin. 2 CDs, 22,80 Euro

Quelle: wa.de

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