Das Wallraf-Richartz-Museum zeigt Leibl und Sander im Dialog

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Mondän, aber keine femme fatale: Wilhelm Leibls Bild „Die Pariserin“ (1869) ist in der Kölner Ausstellung zu sehen.

Von Ralf Stiftel KÖLN - Die „Pariserin“ schaut dem Betrachter direkt ins Gesicht. Ihr gefältelter Kragen und ihre lange Tonpfeife weisen sie als Exzentrikerin aus. Bequem sitzt sie nicht auf dem mit Teppichen belegten Diwan. Ihre Hand sucht Halt. Aber sie beherrscht den Bildraum. Wilhelm Leibl zeigte 1869 eine durchaus moderne, selbstbewusste Frau.

Das Gemälde ist im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen. Die Ausstellung „Von Mensch zu Mensch“ stellt zwei Kölner Künstler gegenüber, deren Lebenszeit sich zwar überschnitt, die sich aber nie begegnet sind. Leibl (1844–1900) verließ seine Geburtsstadt Köln 1863. Er machte in München Karriere. Der Fotograf August Sander (1876–1964), stammte aus dem Siegerland, kam aber nach Köln, als die Stadt eine erneute Blütezeit erlebte, für die die Vollendung des Doms symbolhaft steht. Rund 30 Gemälde und Zeichnungen Leibls aus dem reichen Bestand des Museums werden mit rund 80 Fotos von Sander kombiniert, die die SK Kulturstiftung bereitstellte.

Obwohl beide Künstler sich nie trafen, gibt es zwischen ihren Werken Berührungspunkte. Über Leibl schrieb sein Biograf, er habe eine „Enzyklopädie der Gesichter“ geschaffen. Der Maler strebte eine besondere Verdichtung des Realismus an. Sander wiederum arbeitete seit der Mitte der 1920er Jahre an einer Sammlung von „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Der Fotograf hat in einem späten Brief Leibl als Wesensverwandten erwähnt. Und tatsächlich erscheinen viele seiner Fotos als visuelle Echos Leiblscher Kompositionen. Bei dem Foto einer Sekretärin des Rundfunks von 1931 fällt auf, dass auch sie den Blickkontakt zum Betrachter sucht und auch sie raucht. Die Bubikopffrisur und das modische Kleid weisen sie als „Neue Frau“ aus. In Leibls Gemälde wurde das Selbstbewusstsein gleich aus der Männerperspektive gedeutet: Man gab dem Bild den Titel „Die Kokotte“, wogegen der Maler sich wehrte.

Die Kölner Ausstellung ist in sechs Kapiteln gehängt, zum Beispiel einer Ecke „Söhne und Väter“. Die Eigenarten der unterschiedlichen Medien werden gewahrt, und doch ergeben sich frappierende Parallelen. So fällt gleich auf, dass Leibls Vater, der Domkapellmeister, mit seinem Bart und seiner strengen Haltung auf dem Gemälde von 1866 dem Typus von Vater Sander, einem Grubenzimmermann, sehr gleicht. Fast zu jedem Gemälde gibt es eine Entsprechung bei Sander. Der Maler zeigt 1893 „Bauernjägers Einkehr“, den rüstigen Mann, der in der einen Hand die Flinte hält, in der anderen die Pfeife, und offensichtlich schweigend darauf wartet, dass die Bäuerin den Kaffee in der Mühle fertig gemahlen hat. Leibl platzierte das Paar in einen Raumwinkel zwischen zwei Fenstern, so dass er von zwei Seiten Licht einfallen lassen und das Zentrum der Komposition dunkel halten kann. Sander fotografiert 1927 das „Bauernpaar am Spinnrad“, und auch er arbeitet mit malerischen Effekten, zum Beispiel einem Lichtfeld auf der Wand, das den markanten Kopf des Mannes mit Schirmmütze und Backenbart betont. Ein Porträt seiner Frau im Profil (1903) zog Sander als Gummidruck in Rottönen ab, um die Bildwirkung der Malerei anzunähern. Mit Seitenlicht hat Leibl bei seiner Kreidezeichnung „Bauernmädchen mit Hut“ (1890) gearbeitet. Das Gesicht liegt dabei fast im Dunkeln, nur die rechte Wange ist aus einem Fenster beleuchtet und bekommt scharfe Konturen. Man hat bei diesem Blatt den Eindruck einer Fotografie.

So sieht man im Wechsel Gruppen in Räumen, Porträts und Landschaften. Leibl setzte, nachdem ihm eine ambitionierte Komposition missraten war, Fotografie ein, um den Bildaufbau zu kontrollieren. Besonders überraschend ist eine Vorfassung für „Die Tischgesellschaft“. Eine Figurengruppe scheint sich aus der weißen Leinwand zu schälen wie ein teilweise belichtetes Foto. Die Sitzenden sind nur schemenhaft sichtbar. Obwohl die Leinwand unvollendet ist, hat Leibl sie signiert. Es wirkt geradezu experimentell. Das ausgeführte Werk (1872/73) hängt daneben. Der Künstler hat den Ausschnitt verändert.

Von Mensch zu Mensch. Wilhelm Leibl & August Sander im Wallraf-Richartz-Museum Köln. Bis 11.8., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 221 211 19, www.wallraf.museum,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 22 Euro

Quelle: wa.de

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