Wallraf-Richartz-Museum Köln: Bouchers „Mädchen“

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Francois Bouchers Gemälde „Ruhendes Mädchen“ (1751), zu sehen im Wallraf-Richartz-Museum Köln. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ KÖLN–Tief ist die Nackte in die Kissen gedrückt. Das Mädchen liegt hier nicht einfach und denkt nach. In ihm klingt die gerade erlebte Lust nach. Deutlich wird das beim Blick auf das Lager, wie Roland Krischel erläutert.

Sie ist tiefer in die Kissen gedrückt, als bei ihrem Körpergewicht zu erwarten wäre. Weil noch jemand bei ihr lag. Der Maler Francois Boucher schuf 1751 mit seinem Akt der seinerzeit 14-jährigen Näherin eine Anregung für erotische Fantasien. 250 Jahre später fotografierte Nan Goldin ein schwules Paar. Eine Aufnahme zeigt fast nur einen der Männer, tief in die Kissen gedrückt, mit geröteter Haut und Knutschflecken. Auf seinem Rücken ruht der Arm des Liebhabers. Über die Epochen hinweg erzählen hier zwei Bilder eine gleiche Geschichte.

Sie hängen nebeneinander in der Ausstellung „Auf Leben und Tod“ im Kölner Wallraf Richartz Museum. Roland Krischel stellte viele Bildpaare in einen Dialog, zum einen rund 40 Altmeister-Gemälde aus der eigenen Sammlung, daneben 70 Fotos aus der Sammlung von Lutz Teutloff. Der 1938 geborene Bielefelder Galerist und Geschäftsmann hat in Jahrzehnten rund 1000 Foto- und Videoarbeiten international renommierter Künstler zusammengetragen. „Meine Depots sind voll“, sagt er, „da können die Museen lange etwas zeigen. Und bei mir geht’s beim Sperma los. Aber das wollten die Herren nicht zeigen.“ Drastische Momente zwischen Mutterschaft und Tod gibt es gleichwohl.

Die Schau lebt von der unmittelbaren Konfrontation der Malerei mit dem jungen Medium. Die Bilderpaare geraten in einen fruchtbaren Dialog, ohne dass der Unterschied zwischen den Medien nivelliert würde. Eine pfiffige Scheinarchitektur ermöglicht, was sonst eine Todsünde der Ausstellungstechnik ist: Sehr unterschiedliche Formate werden nebeneinander präsentiert. Möglich machen das auf die Wände gezeichnete perspektivisch angedeutete „Räume“, die dem Auge vorgaukeln, das kleinere Bild hänge ein Stück zurück in einer Nische. Dem Museum eröffnete die Schau die Chance, Werke dem Vergessen zu entreißen. Eine Kopfstudie des Antwerpener Meisters Frans Floris ist erstmals seit 100 Jahren zu sehen. Auch über bekannte Werke kam Neues heraus. Die Tafel „Jupiter und Merkur bei Philemon und Baucis“ von Bramantino (um 1500) erkannten die Kunsthistoriker nun als Entwurf für eine Tapisserie.

Vor allem zeigen die Gegenüberstellungen, wie lange alte Kompositionsideen nachwirken. Die Darstellung von David mit dem Haupte Goliaths eines römischen Caravaggisten aus dem 17. Jahrhundert zum Beispiel zeigt den Helden mit fast nacktem Oberkörper, aus der Szene aggressiv dem Betrachter zugewandt. Ganz ähnlich lichtete Brian Finke im Jahr 2002 einen Footballspieler ab, der sich aus dem Kreis seiner Kameraden zurückwendet. Verblüffend ein Ensemble um das Leiden Christi: Cristoforo de' Moretti schuf um 1460 ein kleines Täfelchen von Christus als Schmerzensmann. Dessen Pathos klingt in der Selbstinszenierung von Joseph Beuys mit ausgebreiteten Armen in einem Porträt des Fotografen Stefan Moses 1968 nach. Bartholomäus Bruyn d.Ä. malte um 1545 eine Ecce-Homo-Darstellung, auf der ein athletischer Christus fast nackt und aus vielen kleinen Wunden blutend präsentiert wird. In einem „Self Portrait“ (2005) nahm der US-Fotograf Jack Pierson einen anonymen jungen Mann auf, der sich in der Christus-Pose präsentiert, und Narben auf Brust und Bauch unterstreichen noch die Ähnlichkeit der Komposition.

Manchmal erkennt man die Parallele erst auf den zweiten Blick: 1869 malte Wilhelm Leibl „Die junge Pariserin“, und der Münchner Maler orientierte sich an der niederländischen Porträtkunst des 17. Jahrhunderts. Nun liegt die Dame aber recht lässig auf einem Divan und raucht eine helle Tonpfeife, was, sehr zum Verdruss des Künstlers, viele Betrachter dazu verleitete, in ihr eine Kokotte zu sehen. Die aufgerichtete Liegepose setzt auch die Fotografin Herlinde Koelbl im Porträt einer Studentin (2004) ein. Die zeigt freizügig Bauchtattoo und Busenpiercings, was auch zu Missdeutungen führen mag.

Die Ausstellung vermittelt ein Gefühl für bewährte Bildideen, die sich dem kollektiven Bewusstsein eingeprägt haben, so dass sie fortwirken, selbst wenn man sie nicht sofort identifiziert. Neben Francesco Francias Madonna mit Kind (um 1516/17) versteht man, warum Adam Nadels Porträt einer stillenden Mutter aus dem Krisengebiet Darfur uns unmittelbar ergreift. Der Reporter zeigt uns eine „schwarze Madonna“, setzt ein Stilmittel der sakralen Kunst ein.

Manchmal spielt der moderne Fotograf auch einfach bewusst mit den alten Vorbildern. Hendrik Kerstens kopiert penibel die Komposition altmeisterlicher Frauenporträts wie Bartholomäus Bruyns „Bildnis einer jüngeren Frau“ (um 1538). Im Foto „Bag“ (2007) aber ist die aufwendige Stoffhaube durch eine locker aufgelegte weiße Plastiktüte ersetzt.

Die Schau

Pointenreiches Doppelspiel zwischen altmeisterlicher Malerei und moderner Fotografie: Zwischen Leben und Tod im Wallraf-Richartz-Museum Köln, bis 9.1., di – fr 10 – 18, do bis 22, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0221 / 221 211 19, http://www.wallraf.museum

Katalog, Hirmer Verlag, München, 24 Euro

Quelle: wa.de

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