Das Wallraf-Richartz-Museum verrät die „Geheimnisse der Maler“ im Mittelalter

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Die Vergrößerung lässt ahnen, mit welcher Sorgfalt Stefan Lochner den Herrn der Hölle im „Weltgericht“ gemalt hat.

Von Ralf Stiftel KÖLN - Nur wenige Millimeter misst der Saphir ganz oben auf der Krone der „Muttergottes in der Rosenlaube“. Und doch hat Stefan Lochner es geschafft, darauf den Lichtreflex seines Atelierfensters zu spiegeln. In extremer Vergrößerung entdeckt man solche Feinheiten, die der Meister in Köln in seinem um 1440 entstandenen Virtuosenstück eher verbarg als vorführte.

Es gibt noch viel mehr „Geheimnisse der Maler“ zu entdecken, speziell was das Mittelalter betrifft. Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln besitzt den größten geschlossenen Bestand an kölnischer Malerei des Mittelalters. Man weiß kaum etwas über die Werke, die einst nur wenige hundert Meter vom heutigen Standort des Museums entstanden. In der Schildergasse, wo sich heute Laden an Laden reiht, wohnten vor 600 Jahren die, die Schilder, Schränke, Türen und Altäre bemalten. Handwerker, geschätzt und gut im Geschäft, aber nicht mit dem Selbstbewusstsein moderner Künstler ausgestattet. Sie signierten ihre Werke nicht. Es gibt kaum Dokumente über sie. Die Wissenschaftler geben ihnen Notnamen nach bekannten Werken, zum Beispiel „Meister der heiligen Veronika“.

Das Museum nutzte ein Förderprogramm des Bundes, um das Forschungsprojekt „Die Sprache des Materials – Technologie der Altkölner Malerei vom Meister der Hl. Veronika bis Stefan Lochner“ auf den Weg zu bringen. Die Bilder selbst erwiesen sich als ergiebige Quellen. Sie wurden unter Streif- und Auflicht betrachtet, unters Mikroskop gelegt, geröntgt. Das Holz der Tafeln wurde untersucht und die Pigmente der verwendeten Farben analysiert. Die Geisteswissenschaftler nutzten die Hilfe der Naturwissenschaftler. Am Ende gewannen die Museumsleute eine Fülle neuer Erkenntnisse. Dieser Ansatz hat in Köln Tradition. 2008 gab es eine parallele Untersuchung der impressionistischen Werke, deren Ergebnisse ebenfalls in einer Ausstellung vorgestellt wurden.

Die Schau „Geheimnisse der Maler“ lässt den Kunstfreund teilhaben an den Forschungsergebnissen. Die Schau ist reich beladen mit museumspädagogischen Momenten. Aber es spricht für das Haus, dass sie die Bilder nicht beeinträchtigen. Die farbenprächtigen Tafeln kommen bestens zur Geltung, bleiben im Zentrum. Erklärtafeln, Röntgenaufnahmen, Holzbretter und nachgebaute Rahmen zum Anfassen sind gesondert untergebracht oder dezent daneben, stören nicht den Dialog mit der Malerei.

Stefan Lochner ist ein Höhepunkt und in vielfacher Hinsicht eine Ausnahme, schon weil wir seinen Namen kennen. Die Untersuchung des Materials verrät uns, worin seine Genialität bestand. Zunächst in gewaltigem Fleiß, großer Detailbesessenheit. Das gewaltige „Weltgericht“ (um 1435) besteht eigentlich aus zwei Bildern, von denen wir aber nur eins sehen. Unter der Ölmalerei und dem Blattgold befindet sich eine zweite, ebenso detaillierte Vorzeichnung der kompletten vielfigurigen Komposition. Lochner hat dabei mit feinen Schraffuren die Helligkeit angedeutet, hat sicher die Toten, die Engel, die Teufel gruppiert. Der Maler arbeitete mit größter Akribie auch an winzigen Details: Den kaum sichtbaren Ohrring eines Verdammten hat er mit sechs Farben zusammengesetzt. Und trotzdem hat er offenbar nicht das ganze Bild allein gemalt. Einige Köpfe wurden offensichtlich von anderen Künstlern ausgeführt. Hier ging es, vermuten die Kunstwissenschaftler, nicht um schnelleres Arbeiten, sondern um Ästhetik. Lochner wollte offenbar, dass die Menschen noch individueller wirken. Und die meiste Mühe wandte er auf den Herrn der Hölle, dessen Augen mit feinsten Linien lebensecht gestaltet wurden.

Bei seiner „Muttergottes in der Rosenlaube“ besticht auch die Detailgenauigkeit. Eine Brosche neben dem Bild belegt, dass der im Original zweieinhalb Zentimeter hohe Schmuck Mariens nach der damaligen Mode geschaffen wurde. Und Lochner stand den Goldschmieden seiner Zeit in nichts nach. Und das tiefe Blau in Mariens Mantel erreichte er, weil er die Farbe aufstupfte und nicht gleichmäßig verstrich. So leuchten die groben Pigmente besser. Das Museum hat, um diese Abteilung aufzuwerten, noch eine Altartafel Lochners aus der National Gallery in London entliehen.

Aber die Untersuchungen brachten noch viel weiter gehende Resultate. Offenbar war die Malergilde im 14. und 15. Jahrhundert in Köln schon bestens organisiert, eine leistungsfähige Bilderindustrie mit drei oder vier großen Werkstätten und einer Reihe freier Mitarbeiter, die nach Bedarf aushalfen. So etwas kannte man bisher erst aus dem Antwerpen des 16. Jahrhunderts. Aber selbst bei einem kleinen Triptychon wiesen die Naturwissenschaftler nach, dass daran zwei Maler mitgewirkt hatten. Und drei Punzierer, die für die Muster im Blattgold zuständig waren. Das erkennt man: Jedes Zahnrad hat seine eigene Spur.

In einem anderen Bild erwiesen sich die Konturen der Gesichter als identisch. Das Atelier hatte mit Schablonen gearbeitet. Auch für Erdbeerpflanzen, Tapetenmuster und Wappen nutzten die Maler solche Hilfsmittel, damit es schneller ging.

Beim Durchleuchten fanden die Forscher Bohrlöcher. So entpuppten sich Bilder als Schranktüren und Truhendeckel. Ein Einzelbild erwies sich als Mitteltafel eines Altars. Die Maler hatten viele Aufgaben, schufen Firmenschilder ebenso wie Möbelschmuck. All das breitet die Kölner Schau aus. Und sie erinnert an vergessene Rituale. Auf den Rahmen einiger Tafeln fanden sich vorn rätselhafte, verspachtelte Bohrungen. Offenbar dienten sie dazu, eine Tafel zu verhüllen, indem ein leichter Rahmen mit einem Leinwandbild aufgesteckt wurde. Die vier Meter breite Leinwand mit Leben und Leiden Christi (um 1430/35) könnte zu diesem Zweck gedient haben. Sie passt genau vor den Hochaltar des Kölner Doms.

Geheimnisse der Maler im Wallraf-Richartz-Museum Köln. Bis 9.2., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel.0221/221 21119, www.wallraf.museum,

Katalog, Deutscher Kunstverlag Berlin/München, 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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