Wagners „Parsifal“ an der Aalto-Oper in Essen

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Ratlos in Klingsors Reich: Kundry (Jane Dutton, vorne) sucht Erlösung bei Parsifal (Jeffrey Dowd), dem Gottesnarren. Ihr Alter Ego (Yara Hassan) hält ihn vorsorglich fest in der Inszenierung an der Aalto-Oper in Essen.

Von Edda Breski - ESSEN - Auch ein Symbol braucht ab und an eine Pause. Amfortas verlässt sein Siechenbett, zieht einen Mantel über und geht zum Rauchen vor die Tür. Da lehnt der Gralskönig matt an der Wand, ein Mensch, der eine Minute seinen Frieden hat. Damit schafft Joachim Schloemer im „Parsifal“ einen seltenen Moment, in dem eine Bühnenfigur, ganz ohne Heischen von der Rampe herab, Mitgefühl erzeugt.

Weniges ist so überzeugend in seiner Inszenierung von Wagners Bühnenweihfestspiel an der Aalto-Oper Essen.

Der „Parsifal“ ist die letzte große Premiere für Essens Intendant und Generalmusikdirektor Stefan Soltesz. Er geht im Sommer, nach 16 Jahren. Im „Parsifal“, der übrigens vor rund sieben Wochen konzertant auf Originalinstrumenten in der Philharmonie zu hören war, bietet er Opulenz im Orchestergraben und eine bewundernswert durchdachte Feinarbeit. Auf der Bühne dagegen herrscht ein künstlicher Formalismus: halb Dekonstruktion, halb mythischer Symbolismus.

Schloemer verlegt die Handlung auf eine Intensivstation (Bühne: Jens Kilian). Dort liegt Amfortas, der wunde Gralsherr. Heiko Trinsinger erzählt von seiner Qual mit viel Druck. In kürzer werdenden Zyklen fällt Amfortas aus dem Bett, verschmiert Blut, wird von Ärzten versorgt – absurdes Theater. Der erste Akt ist ein Endspiel im Beckett’schen Sinn. Gurnemanz ist der wohlwollend-ratlose Bewahrer des Ist-Zustands. Magne Fremmerlid verleiht ihm im besten Rollenportrait des Abends eine klotzige Gutmütigkeit. Später wird sein ratloser Ritter die müde Würde des Übriggebliebenen ausstrahlen.

In die absurde Szene stolpert Parsifal als tumber Tor wie Siegfried aus dem deutschen Wald, im Schlepptau einen mannslangen Schwanenflügel. Jeffrey Dowd ringt seiner Partie im zweiten Akt Menschlichkeit ab, wirkt aber nach der Wandlung zum Erlöser blass; er neigt außerdem zum Knödeln.

Interessant ist die Kundry angelegt. Die Sängerin Jane Dutton wird begleitet von einem stummen Double (Yara Hassan). Kundry ist die missachtete Natur und interessanterweise auch diejenige, die den Gral zum Wirken bringt, der durch ein Kind personifiziert wird. Ohne sie würde der Gralsorden nicht funktionieren. Der Zusammenhang zwischen ihrer Rolle und Amfortas’ Leiden wird, wie so vieles, nicht ausgeleuchtet.

Im Klingsor-Akt bilden Kundry-Sängerin, stumme Kundry und Parsifal ein symbolisches Dreieck (das Gurnemanz, wenn man genau hingesehen hat, im ersten Akt andeutet). Es lohnt sich, hier auf den Punkt der Berührbarkeit zu achten.

Die Blumenmädchenfarben erinnern an Geisha-Symbolik, blutrote Gesichter zeigen sexuelle Verfügbarkeit an. Klingsor ist ebenfalls gedoppelt. Dem Zauberer, den Almas Svilpa mit viel Häme als eindimensionale Mephistofigur gibt, folgt ein Ninja mit wirbelndem Silberspeer – ziemlich müder Zauber.

Mit dem Untergang des Klingsor-Reichs ist auch über die Intensivstation die Apokalypse hereingebrochen. Es regnet Kleidung; Gurnemanz haust wie ein Obdachloser unter Amfortas’ Matratze. Parsifal wird den Rest der Oper ratlos rumhängen. Amfortas bringt sich mit dem Speer um. Menschen kommen, um das enthüllte Gralskind zu berühren. Jetzt ist jeder für seine eigene Erlösung zuständig.

Schloemers Ideen wären bedenkenswert, nur zu Ende geführt sind sie nicht. Er erzeugt eine Gleichzeitigkeit der Handlung, der Untergang ist stets immanent. Nur: Wenn das Ende schon am Anfang nicht mehr ernstzunehmen war – wieso noch die Erlösernummer und die Taufsymbolik am Schluss? Und wessen Fieberkurve wird da wirklich gemessen?

Was ist mit der Geschlechterfrage: Auf der Gralsstation gibt es auch Frauen, die Bruderschaft ist unisex. Was wird da aus dem Kontrast zu Klingsors „Höllenrosen“?

Antworten vermisst man. Schloemer findet in den meisten Szenen auch nicht zu der Bildgewalt und Schlüssigkeit, die es bräuchte, um die riesigen Räume der Musik zu füllen.

Soltesz entfesselt im Graben alles, was die Essener Philharmoniker hergeben. Die großen Bögen haben eine gewaltige Spannung, die Gralsmotivik flimmert wie eine gestresste Herzkammer. Es ist ein Vergnügen, auf die Details zu hören, etwa das Liebesmotiv, das im ersten Vorspiel schmerzlich flirrt, im dritten Akt sorgfältig mattiert wird. Über lange Strecken ist der Duktus erzählend. Der Klang berauscht. Eine Freude.

Richard Wagners Parsifal an der Aalto-Oper in Essen.

21., 24.., 31.3., 7., 28.4., 15., 30.6.,

Tel. 02 01/81 22 200,

www.aalto-musiktheater.de

Quelle: wa.de

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