Das Von-der-Heydt-Museum stellt den Künstler Jankel Adler vor

+
Entblößt: Jankel Adlers Selbstporträt „Der Artist“ ist in Wuppertal zu sehen.

WUPPERTAL - Der „Artist“ blickt dem Betrachter ernst entgegen, mit einem Hauch Melancholie. Nicht nur ist das Hemd über dem Oberkörper zurückgeschlagen, es ist, als könne man unter die Haut schauen. Linien an der Brust, über den Rippen sehen aus wie Muskelgruppen, die ein Präparator freigelegt hat. In diesem Bild, einem Selbstporträt, entblößt sich der Maler Jankel Adler völlig.

Das Gemälde von 1927 ist im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zu sehen. Es stellt den Künstler als empfindsamen, verletzlichen Intellektuellen vor. Das Schöne, wie die Blüte, die er sich an die Melone gesteckt hat, bietet kaum Trost in einer kalten Welt. Welch ein Kontrast zu dem Selbstporträt „An die Schönheit“, das direkt daneben hängt. Hier hat sich Otto Dix kaltschnäuzig-provokativ als Zuhälter in einem Bordell dargestellt, als smarten Sex-Manager mit dem Telefon in der Hand.

Dix kennen die meisten Kunstfreunde. Sein Kollege Adler (1895–1949) ist praktisch unbekannt. Zu Unrecht, wie Gerhard Finckh, Direktor des Von-der-Heydt-Museums, meint, es handle sich bei ihm um einen der wichtigsten Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Um die Behauptung zu untermauern, präsentiert er nun eine große Werkschau mit rund 120 Werken Adlers, die ebenso vielen Arbeiten seiner Zeitgenossen und Freunde gegenübergestellt werden. Adler sei lange als eine Art Regionalkünstler missverstanden worden, erläutert Kuratorin Antje Birthälmer, als Chronist der Ostjuden. Tatsächlich aber hat er sich in den Avantgardezirkeln seiner Zeit bewegt und wurde von Kollegen wie Dix, Paul Klee und anderen geschätzt. Das Von-der-Heydt-Museum besitzt einige Hauptwerke des Künstlers und einen Teil des Nachlasses. Insoweit war es prädestiniert für die Schau, die Leihgaben aus den USA, Israel, Polen versammelt.

Adler wurde als Sohn eines Kaufmanns in der Nähe von Lodz geboren. Als 14-Jähriger kam er aber nach Barmen, wo seine Geschwister lebten. Hier nahm er ein Studium an der Kunstgewerbeschule auf. Und er fand Anschluss an die Kunstszene im Rheinland. Er entfaltete nach dem Weltkrieg eine erstaunliche Aktivität, gründete in Lodz die Künstlergruppe Jung Jiddisch, zog erst nach Berlin, wo er unter anderem Marc Chagall begegnete und sich mit der Dichterin Else Lasker-Schüler anfreundete. Adler stand im Austausch mit den Kölner progressiven Künstlern wie Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert, aber auch mit Dix. Adler gewann in der Weimarer Zeit einige Preise, so wurde er für ein Wandgemälde für das Planetarium in Düsseldorf ausgezeichnet. Sein Gemälde „Katzen“ auf der Ausstellung „Deutsche Kunst“ 1928 mit einer Goldmedaille prämiert.

Ein Jude, der sich in linken und kommunistischen Künstlergruppen bewegte, der vor der Wahl 1933 mit dazu aufrief, eine Einheitsfront gegen die Nazis zu bilden – natürlich verfolgten die neuen Machthaber ihn. Adler ging rechtzeitig nach Paris, später nach Großbritannien. Seine Werke werden in Museen beschlagnahmt und in den Ausstellungen „Entartete Kunst“ und „Der ewige Jude“ gezeigt. Das Bild „Die Familie“ von 1925 wurde von den Besitzern in Elberfeld zerstört – aus Angst vor den Nazis. Eine ganze Reihe von Adlers Werken sind in der Schau nur als Schwarz-Weiß-Fotos präsent. Adler musste sich neu orientieren. In England wurde sein Werk zu einer Inspirationsquelle junger britischer Maler, darunter Francis Bacon. Nach dem Krieg erfuhr er, dass alle seine Geschwister in Konzentrationslagern ermordet wurden. Er stand offenbar vor einem internationalen Durchbruch, es gab Ausstellungen in London, Paris, New York, Jerusalem. Aber 1949 erlag er einer Herzattacke.

Jetzt kann man in Wuppertal die Bilder Adlers neu entdecken. Der Künstler erweist sich als ähnlich vielseitig und wandelbar wie Picasso. Wobei in allen Experimenten, in allen Neuansätzen Adler stets erkennbar bleibt. Das Gemälde „Paar“ (1921) mischt Einflüsse von Expressionismus und Kubismus. Beim Selbstbildnis (1924 ) setzt er auf die altmeisterlich ausgeführte Leinwand helle Streifen aus Strukturmasse, in die er die Kontur einer Gesichtshälfte mit dünnen Linien nachzieht, und kombiniert er Ikonenmalerei mit Konstruktivismus. 1923 malt er die an Tuberkulose erkrankte Malerin Angelika Hoerle, stehend, abstrahiert, in dunklen Farben, neben ihr zwei Katzen, und er fing die Aura des nahen Todes ein. Ähnlich virtuos porträtierte er 1924 die gealterte, charismatische Dichterin Else Lasker-Schüler.

Das Judentum ist in seiner Kunst stets präsent. Das Bild „Sabbat“ (1925) mit seiner ernsten, würdevollen Darstellung eines Paars in einem Ruhemoment des Festtags ähnelt der poetischen Phantastik Chagalls. 1931 malt er die „Purimspieler“ mit Anklängen an Picassos klassizistische Phase. Die Töne dämpft er dabei, indem er der Farbe Sand beimischt. Diese ausgebleichten Farben prägen auch schon sein Bild „Katzen“ (1927).

Vom engen Kontakt zu Paul Klee zeugen großartige Bilder wie „Das Spiel“ (1933), bei dem Adler eine weibliche und eine männliche Figur nebeneinander stellt, aufgelöst in geometrische, einfache Kreise und Ovale. Wie Adler Stäbe und einen Ring zuordnet, das hätte Freud schmunzeln lassen.

Im britischen Exil fand Adler zu neuen Formen, abstrahierte die Figuren stärker. Und er reagierte auf die Zeit. Das Bild „Mutter und Kind II“ (1941) spiegelt Schmerz und Entbehrung. „Die Verstümmelten“ (1942-43) zeigt Kriegsversehrte in einem von geometrischen Elementen bestimmten Bildraum.

Parallel gibt es immer wieder formale Experimente, wie bei der „Hommage an Kurt Schwitters“ (1942), bei der er über die surreal-konstruktivistische Komposition vier horizontale farbige Schnüre spannt, oder wie die „Komposition“ (1945/46), die an das Frühwerk der informellen Nachkriegsmaler erinnert. Adler blieb ein Unvollendeter. Aber die Fülle und Qualität seines Werks werden in Wuppertal auf anrührende Weise vermittelt.

Bis 12.8., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr, Tel. 0202/ 563 6231, www.jankel-adler-ausstellung.de, Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.