Das Von-der-Heydt-Museum zeigt Pierre Bonnard

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Diskreter Blick ins Bad: Pierre Bonnards „Akt in der Badewanne“ (1925).

Von Ralf Stiftel ▪ WUPPERTAL–Sehr nah rückt Pierre Bonnard seinem Motiv im Gemälde „Akt in der Badewanne“, und zugleich bleibt er überaus diskret. Der Betrachter steht vor dem Bild von 1925 wie vor einem misslungenen Schnappschuss.

Von der Wanne sieht man den Rand, von der Badenden die Beine. Von links tritt vermutlich ein Mann im Pyjama ins Bild, aber sein Kopf ist abgeschnitten. Minuziös notierte der Künstler Details wie das Muster des Teppichs und die auf einem Hocker abgelegte Wäsche. Aber er verrät nichts. Dem Betrachter bleibt das Gefühl eines vertrauten Moments. Und vibrierende Farbflächen: Das mit Blau und Rosa melierte Grau der Wanne. Da Rosa der Wand. Das Blau der Pyjamahose. Der Lichtreflex auf dem Wannenrand. Ein kühles Spiel mit fein abgestuften Farbwerten. Die Gegenstände sind hier nur Anlass.

Bonnards Meisterwerk kommt aus der Londoner Tate Galery nach Wuppertal. Das Von-der-Heydt-Museum zeigt die erste große Werkschau des französischen Malers seit 17 Jahren: „Magier der Farbe“. Schon lange verfolgt das Haus die französische Kunstgeschichte um den Impressionismus. Nach der erfolgreichen Monet-Schau (297 000 Besucher) rückt ein Künstler der nächsten Generation in den Blick. Bonnard (1867–1947) lebte lange in der Nähe von Monets Alterssitz, war mit dem Meister befreundet. Das Museum besitzt ein Gemälde Bonnards, „Das Esszimmer – La nappe blanche“. Gute Gründe für Museumsdirektor Gerhard Finckh und Kurator Peter Kropmanns, das Werk zu präsentieren, mit 90 Gemälden und ebenso vielen Arbeiten auf Papier.

Zumal man auch eine Neubewertung anstrebt. Lange galt Bonnard als der „Maler des Glücks“, der unberührt von der Zeitgeschichte seine Familienszenen, Akte und Landschaften schuf. Die Bilder scheinen das zu bestätigen, vor allem die unbeschwerten Momente mit Kindern, wie „Lesende Kinder“ (1900) und „Kleines Mädchen mit Katze“ (1899). Aber deutet das nicht auf eine Leerstelle hin, fragt Finckh: Bonnard blieb kinderlos. In der Familie seiner Schwester kompensierte er malend, was ihm unerreichbar war. Auch die Beziehung zu Marthe, seiner Ehefrau, war nicht konfliktfrei. Sie ließ Besucher nicht zum Maler vor. Und sie litt an einer Hautkrankheit, die sie zu täglichen Bädern zwang. Das lässt Bonnards Badeszenen in anderem, profaneren Licht erscheinen. Man spürt eine Melancholie darin. Außerdem ist in Wuppertal das Gemälde „Dorf in Ruinen“ zu sehen, das 1917 an der Somme entstanden ist und realistisch Kriegsfolgen schildert. So fern seiner Zeit war Bonnard gar nicht.

Er begann als Neuerer im Kreis der Nabis, der „Propheten“, die sich vom Impressionismus absetzten. In Wuppertal sieht man Werke von Zeitgenossen wie Gauguin, Fotos von Henri Rivière sowie japanische Holzschnitte. Bonnard arbeitete früh als Grafiker. Sein Plakat für „France-Champagne“ (1891) brachte ihm den Durchbruch. Er blieb erfolgreich, reiste viel, kaufte 1911 ein Automobil, 1912 ein Haus in der Normandie, hatte Sammler in Russland, Deutschland, der Schweiz.

Bonnards Malerei erscheint entwicklungslos. Seine wesentlichen Mittel erarbeitet er sich früh. Keine Spuren des Kubismus oder des Surrealismus finden sich in seinem Werk. Die Wuppertaler Ausstellung breitet es in einer Mischung aus thematischer und chronologischer Hängung aus, bietet viele Bilder aus Privatsammlungen. Dabei findet man Überraschungen wie ein Querformat aus New Yorker Privatbesitz: „Bauzaun, mit Plakaten beklebt, und die alten Mühlen am Montmartre im Schnee“ (um 1900). Suggestiv lenkt der Maler den Blick, indem er die Landschaft in Grautöne dämpft und den bunten Zaun betont. Ein Kommentar zum Stadtraum: Die Natur verblasst hinter der Kunst.

Bonnard liebte die Natur, aber seinen Bildern zog er optische Schranken ein. Freilichtszenen zeigt er gern als Ausblick wie bei „Vor dem Fenster“ (1923). Und das muntere Treiben auf der Place de Clichy (1912) lässt er uns aus einer Brasserie heraus betrachten, was nur durch die am oberen Rand ins Bild hängende Markise auffällt. Diese komplexen Bildkonstruktionen sind moderner, als sie auf den ersten Blick scheinen.

Schließlich die Farbbehandlung. Bonnard malt keine reinen Farben, er folgt auch nicht den Regeln des Pointillismus. Stattdessen komponiert er die Fläche aus Schichten sehr unterschiedlicher Töne, bricht die Farben. Im Spätwerk wird das Motiv gleichgültig bis beinahe zur Abstraktion. Es geht nur noch darum, Farbakkorde äußerster Intensität zu schaffen. Man sehe nur die Gelb-Grün-Rosa-Orgie im Gemälde „Der Golf von Saint-Tropez“ (um 1937) oder die blaue Entladung im „Gewitterhimmel über Cannes“ (1945). Vielleicht führen von hier aus doch Spuren in die Nachkriegsavantgarde, in die Farbfeldmalerei von Barnett Newman und Mark Rothko.

Eine souverän inszenierte Werkschau des französischen Malers: Pierre Bonnard – Magier der Farbe im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal.

Bis 30.1.2011, di, mi 11 – 18, do, fr 11 – 20, sa, so 10 – 18 Uhr, Tel. 0202/563 62 31,

http://www.bonnard-ausstellung.de

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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