Von-der-Heydt-Kunsthalle zeigt „Liebe, Tod und Teufel“

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Geflügel in Denkerpose: Chan Kai-Yuens Arbeit „Je Pense donc je suis“, zu sehen in Wuppertal. ▪

Von Marion Gay ▪ WUPPERTAL–Das gerupfte Huhn hockt in Denkerpose auf dem Urinal. Es hat Erdbeeren an den Beinen und eine gescheitelte Frisur. Hinter ihm prangt ein schwarzes Quadrat. Die Installation „Je pense donc je suis“ (Ich denke, also bin ich, 2006) des chinesischen Künstlers Chan Kai-Yuen spielt auf die Künstler Auguste Rodin, Marcel Duchamp, Kasimir Malewitsch sowie den Philosophen René Descartes an und wirft einen ironischen Blick auf die Ikonen der europäischen Kunstgeschichte.

Unter dem Titel „Liebe, Tod und Teufel“ präsentiert die von-der-Heydt-Kunsthalle in Wuppertal-Barmen rund siebzig Werke zeitgenössischer Künstler aus der französischen Privatsammlung von Jean Mairet. Die spannende Ausstellung, vom Sammler selbst kuratiert, zeigt Gemälde, Skulpturen, Videos, Fotografien, Installationen, vor allem von französischen und deutschen Künstlern. Seit 30 Jahren sammelt Mairet. Bis heute hat er Werke von mehr als 100 Künstlern aus 20 Nationen erworben. Mairet vergleicht das Sammeln mit einem Billardspiel. Jedes neuerworbene Werk tritt mit den anderen in Dialog, je nach Kombination ergeben sich neue Perspektiven und Fragestellungen.

Mairets Konzept wird bereits im ersten Ausstellungsraum deutlich. Da ist zum Beispiel Joseph Beuys‘ „Rose für direkte Demokratie“ (1973) dem Video „Flower serial killer“ (2000) von Pascal Bernier gegenübergestellt. Zu sehen ist das Foltern von Rosen: Sie werden kopfüber in Vasen gestülpt, mit Bügeleisen geplättet, von Scheren zerpflückt. Wendet man sich wieder Beuys‘ Rose im gläsernen Messzylinder zu, wirkt sie jetzt noch fragiler und schützenswerter.

In einer Ecke sind Bilder entkleideter Menschen des französischen Malers Vincent Corpet zu sehen. Sie haben eine beunruhigende Präsenz, mit ihren ernsten Gesichtern und der Flächigkeit ihrer Körper, die Corpet nicht perspektivisch malt. Hier greift Mairet ein und steigert die Beunruhigung, indem er die Bilder der Arbeit „Mann mit Maske“ (1973) von Rolf Lukaschewski gegenüberstellt, einem verzerrten Porträt von Hitler, der die Nackten kritisch mustert. Erinnerungen an Zeitgeschichte drängen sich auf.

„Wenn man kein Autor ist, Maler oder Filmemacher, dann kann man seine Haltung auch in einer Sammlung ausdrücken“, erklärt Mairet sein Konzept. Seine Zusammenstellungen führen zu neuen Aussagen, die möglicherweise den Intentionen der Künstler nicht immer entsprechen. Manchmal tritt er auch selbst als Initiator der Kunst in Aktion, etwa bei der Serie „Présumés coupables“ (2003) von Nathalie van Doxell. Mairet zeigte der Konzeptkünstlerin seine Sammlung von Polizeifotos aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie reagierte darauf, indem sie die Fotos der verurteilten Mörder vergrößerte und mit Zeichen versah, die Gefangene als Tätowierungen trugen. Ein zehnjähriges Mädchen übertrug die Beschriftungen von der Rückseite der Originalfotos, die nun neben den Reihen der Porträts zu sehen sind. Die Arbeiten zeigen die Beeinflussbarkeit unserer Wahrnehmung. Damalige Wissenschaftler versuchten anhand solcher Fotos, das typische Gesicht des Bösen zu entschlüsseln.

Um Wahrnehmung geht es auch in den Arbeiten, die um das Bild der Frau kreisen. So sieht das kleine Mädchen im Strickkleidchen in Barbara Breitenfellners Collage von 2006 süß und unschuldig aus. Wird das Gesicht durch einen Teufelskopf ersetzt, ändert sich alles. Fragen stellt auch Gabriele Heideckers Fotoarbeit „Attraction-Set A“ (1999-2004). Wer wirkt erotischer? Die halbnackte Frau mit Pagenschnitt und Sonnenbrille oder die Schwarzverschleierte mit den geschminkten Augen?

Liebe, Tod und Teufel in der Von-der-Heydt-Kunsthalle, Wuppertal-Barmen. Bis 3.2., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0202/563 65 71;

http://www.von-der-heydt-kunsthalle.de; Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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