Kay Voges inszeniert Wagners „Tannhäuser“ in Dortmund

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Hausfrau am Rande des Nervenzusammenbruchs: Tannhäuser (Daniel Brenna) hat Venus (Hermine May) gesagt, dass er sie verlassen wird. Szene aus der Dortmunder Wagner-Inszenierung.

Von Elisabeth Elling Dortmund - „Tannhäuser ist nicht Jesus oder umgekehrt“, schreibt Kay Voges im Programmheft zu seiner Inszenierung der Großen romantischen Oper von Richard Wagner. Und zeigt dann die Titelfigur als: Jesus.

Es gibt in dieser Produktion an der Oper Dortmund, mit der der Schauspieldirektor von Nebenan sein Operndebüt gibt, berührende Szenen. Immer wieder gelingen treffliche Übersetzungen der Mixtur aus Künstler- und Mittelalterdrama. Aber die aufdringliche Nazarener-Optik mit Dornenkrone, blutigem Leinenhemd und verkrusteten Stigmata an Händen und Füßen schirmt den Heinrich Tannhäuser regelrecht ab von dem gar nicht so abwegigen Ansatz Voges’. Er zeigt den Sänger, der an der Liebe und an der Gesellschaft scheitert, als Projektionsfläche für widerstreitende Entwürfe: Venus will seinen Körper, Elisabeth will seine Seele retten, der Landgraf von Thüringen schätzt seinen Unterhaltungswert, die Minnesang-Kollegen wittern verbotene Ausschweifungen.

Immer wieder desillusioniert Voges die Fantasien und Bilder, die er von Wagners Figuren ausgelöst sieht. Während der Tannhäuser vom notorischen Passionskitsch erdrückt wird, kann er Venus und Elisabeth – auch Dank der Bilderwucht der Videos von Daniel Hengst – verblüffend vergegenwärtigen.

Der Venusberg verwöhnt und langweilt mit stets verfügbarem Komfort: Im Plattenbau-Heim warten im Kühlschrank das Dosenbier und in der Glotze Fußball, „Tagesschau“ und „Wetten dass“. Venus hat sich zur 50er-Jahre-Hausfrau auf Highheels veralltäglicht (Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Bühne: Daniel Roskamp).

Elisabeth wiederum wird mit Sternenkranz und pumpendem Herzen als künftige Heilige ausgestellt – als solche taugt sie als auch Werbeikone im Glanzbildchen-Design. Ihr Debakel mit Tannhäuser gerät trotz solcher Devotionalien-Ironie umso tragischer. Als er ihre frommen Erwartungen vor den Kopf stößt und der Papst ihm die Absolution für seine Eskapaden mit Venus verweigert (eine schaurige Fratzenmetamorphose auf der Leinwand), geht sie in den Tod. Elisabeths Resignation ist der ergreifendste Moment in dieser Inszenierung, deren Bilderflut nicht immer überzeugen kann.

Dass der Sängerkrieg als Castingshow abläuft, unter anderem mit einem Walther von der Vogelweide als Michael-Jackson-Verschnitt (John Zuckerman), ist eine platte Enttäuschung. Unmittelbar zuvor hat Voges eine famose Lösung für den oft so drögen Einmarsch der Sängerfest-Gäste parat: Eine Video-Collage persifliert in Endlosschleife die nationale und lokale Repräsentationskultur: Die Kanzlerin beim Bankett mit Putin. Häppchen, Sekt und ein weiß beschürztes ältliches Serviermädchen. Kameraschwenks in die orange beleuchtete Pausenbar der Oper Dortmund. Promi-Aufmarsch in Bayreuth, auf dessen Festspielhaus-Dach sich das Dortmunder „U“ dreht.

Musikalisch bleibt der Dortmunder „Tannhäuser“ hinter der optischen Verwandlungskunst zurück. Gabriel Feltz wählt eher zügige Tempi, dennoch lassen das Dauerpathos und die kompakte Textur seines Dirigats die Musik behäbig und zäh erscheinen. Er mutet den Sängerinnen und Sängern außerdem einige Strapazen zu: Hermine May kann ihre Venus streckenweise nur mit orgelnder, schwammiger Artikulation behaupten. Christiane Kohl kommt müheloser über die Rampe. Sie singt die Elisabeth mit reinem, milchigen Sopran und mit vorzüglicher Textverständlichkeit.

Daniel Brenna als Tannhäuser leistet sich im ersten Akt einige Ruppigkeiten, hat im dritten aber doch noch die Kraft zu einer expressiven Rom-Erzählung. Allerdings lässt Voges ihn dazu hampeln wie einen Joe-Cocker-Imitator. Gerardo Garciacano (Wolfram von Eschinbach) und Christian Sist (Landgraf von Thüringen) liefern noble Rollenporträts.

Keine Probleme mit dem rustikalen Orchesterklang hat der Chor (Einstudierung: Granville Walker). So endet Richard Wagners „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“ mit einem dröhnenden „Frieden“.

Tannhäuser an der Oper Dortmund,

21.12., 5., 19.1., 8., 23.2.,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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