Kay Voges inszeniert „Peer Gynt“ am Schauspiel Dortmund

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Ein Wolfsrudel am Nicht-Ort: Am Schauspiel Dortmund zeigt Kay Voges die Geschichte von „Peer Gynt“, dem „nordischen Faust“, als Reihe scharf gegeneinander abgegrenzter Traumbilder.

Von Ralf Stiftel DORTMUND -  Die Lügengeschichte von der Bockjagd, die mit einem Sturz in den Bergsee endet, erzählen im Dortmunder Theater gleich fünf Peer Gynts. Jedes Mal schimpft seine Mutter Aase auf den Flunkerer, und der fünfte in der Reihe antwortet: Das kann gut sechsmal passieren. Die Wirklichkeit erscheint verhandelbar in Kay Voges’ Inszenierung von Henrik Ibsens Drama. „Peer Gynt“ spielt in keiner wirklichen Welt. Vielleicht lügt sich da ein alter Mann selbst seine Lebenserinnerungen in die Tasche.

Der New Yorker Sänger Thomas Truax begrüßt das Publikum aus einem Kasten über der Szene: „Welcome To Our Little Theatre“, singt er zur Gitarre und erinnert in der übernächsten Zeile, dass die handy phones schlafen sollen. „Peer Gynt“ ist hier eine alte Saga, dargebracht von reisenden Barden, die immer dann, wenn wir „Lüge“ rufen wollen, in die Saiten langen oder eine selbstgebaute Trommel schlagen. Manchmal klingt die berühmte Suite von Grieg an. Und „Satisfaction“ von den Rolling Stones.

Kay Voges versucht nicht, den „nordischen Faust“ episch nachzuerzählen. Er konzentriert den Text in 90 Minuten Spielzeit. Da geht es nicht mehr um glaubwürdige Wege von einer Station zur anderen. Und was kommt Peer nicht in der Welt herum, vom Trollreich zu afrikanischen Sklavenhändlern, von abergläubischen Wüstenbeduinen bis ins Irrenhaus von Kairo, und überall verführt er Frauen, er lügt, bereichert sich, verliert manches, begeht am Ende einen Mord. In Dortmund lässt Voges nichts davon aus. Aber er schneidet die zentralen Momente scharf aneinander, wie den Kurzfilm, als den man angeblich im Moment des Sterbens das eigene Leben sieht.

Die Bühne von Michael Siebrock-Serafimowitsch hilft uns in diese Traumsphäre hinein. Ein flaches Wasserbecken ist der Spielraum im Halbdunkel, und die indirekte Beleuchtung lässt die Wellen als unruhige Reflexe an den schwarzen Wänden widerscheinen. Ein Ort ohne Verortung. Sechs Schauspieler sind nacheinander Peer, und zwischendurch auch das andere illustre Personal: Trollprinzessin, Wechselbalg, Irrendoktor, der große Krumme, die Häuptlingstochter. Mal posiert Peer Oscar Musinowski als Rocksänger, mal reitet Friederike Tiefenbacher triumphierend auf einem Sarg, mal trägt Sebastian Graf nacheinander drei farbtriefende Bräute davon. Voges fasst sein Ensemble im einen Moment zu einem antiken Chor zusammen, um es im nächsten ins Wasser zu werfen. Sie bilden das Schiff wie ein belebtes Gegenstück zu Gericaults „Floß der Medusa“, dann wieder fallen sie auf alle Viere und hecheln als Wolfsmeute.

So magisch die Inszenierung auch Musik, Licht, Raum einsetzt, die Hauptillusions- und Lügenarbeit leisten die mitreißenden Darsteller. Sie stehen durchgehend auf der Bühne, markieren Rollenwechsel, indem sie sich Farbe auf den Körper schmieren oder das Gesicht mit Brei verkleistern und ein Büschel Stroh als Greisenhaare aufpappen. Am Ende einer Szene beugen sie sich vor und waschen mit einer Handvoll Wasser aus dem Bassin die abgenutzte Rolle ab. Julia Schubert zeigt den Dialog zwischen dem Macho Peer und der kindlich-naiven Anitra als sinnesraubendes Solo, als verstecke sie zwei Persönlichkeiten in sich, die um die Macht in ihrem Körper kämpfen. Solveig, alias Bettina Lieder, betört auch als Sängerin. Und Uwe Rohbeck erweist sich im „Zwiebel“-Monolog wieder als fesselnder Erkunder psychischer Grenzbereiche. Und obwohl das alles so schnell passiert, gelingt es der Regie doch, jeden Rollenwechsel klar zu markieren.

Am Ende gibt Voges eben doch den ganzen „Peer Gynt“, obwohl er so viel weglässt, die Trollfrau und ihr Balg als Ruhrpottprolls daherkommen lässt und Peer noch den Waffenhandel als zeitgemäße Arbeitsplatzsicherung rechtfertigen lässt. Selbst wenn man den Text nicht präsent hat, kann man der flatterhaften Ich-Suche des Titelhelden, dieser Recherche nach dem Wesen des Menschen gut folgen. Der Abend rockt und rührt.

4., 18.10., 12., 17.11., 4., 21.12., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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