Kay Voges inszeniert Ibsens „Nora“ und „Gespenster“ als Doppelabend

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Familie im Zusammenbruch: Szene aus „Nora“ in Dortmund mit Caroline Hanke und Axel Holst.

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Am Ende bricht sie zum zweiten Mal auf. EleoNora verlässt das Puppenheim, in das sie nur auf gutes Zureden des Pastors Manders hin zurückgekehrt war, und lässt den toten Sohn Osvald zurück. So zwingt der Dortmunder Schauspielchef Kay Voges zu seinem Spielzeitstart zwei Dramen Henrik Ibsens zusammen zu Folgen einer Serie. „Nora“ und „Gespenster“ verschmelzen zu „Die Helmers, eine schrecklich unnette Familie“, aus Nora un Helene wird eine „EleoNora“.

Gespielt wird an zwei Abenden in einem identischen Bühnenbild. Ein vollverglastes Bungalow-Wohnzimmer, das auf einen Swimmingpool weist, in den praktisch jeder Akteur eintaucht, fällt, gestoßen wird. Zwanglos zeigt Regisseur Voges so Ibsens Figuren entblößt von ihrer bürgerlichen Haltung, was bei beiden Stücken Sinn ergibt. Sowieso sind sie durch viele Motive verbunden: Wie Noras Hausfreund, der Dr. Rank, leidet Osvald an Syphillis. Wie Nora am Ende, so hat Helene Alving aus den „Gespenstern“ ihren Mann verlassen, allerdings aus anderen Motiven. Und in beiden Dramen kommt eben der Zeitpunkt, an dem die korrekte, aber erlogene Fassade fällt.

„Nora“, das Emanzipationsdrama der Gattin, die ihrem Mann mit einem illegalen Kredit das Leben rettete und dafür von ihm gedemütigt wird, bis sie geht, hat in den letzten Jahren ohnehin Hochkonjunktur und war schon in starken Inszenierungen zu sehen. Voges wählt einen realistischen Zugriff mit behutsamen Aktualisierungen, der nicht zuletzt wegen der starken Darsteller gut funktioniert. Nora, die das Hausmädchen den Baum und viele Taschen schleppen lässt, hätte ihre Weihnachtseinkäufe nebenan, in der neuen Einkaufsmall neben dem Theater erledigt haben können, von wo sie ihre Calvin-Klein-Strumpfhose mitbrachte. Caroline Hanke gibt der Nora anfangs eine naive Direktheit: Ein Luxusweibchen, das Torvald hemmungslos anbettelt. Im nächsten Moment aber rotzt sie einen obszönen Spruch raus, „Scheiß die Wand an“, und man spürt schon ihre Aufsässigkeit. Großartig auch Axel Holst als Karrieremann, mal gönnerhaft, mal streng. Wenn die beiden ihren Tanz für die Kostümparty einüben, zeigt sich seine Einstellung: Anfangs singt sie den Schlager „Ich will nen Cowboy als Mann“ noch falsch, aber energisch. Er fordert Sanftheit von ihr, und das „Ich will“ wird zum unterwürfigen Hauch. Vor der abschließenden Aussprache geht er schwimmen. Seine Vorwürfe macht er Nora nackt, und er wirkt immer erbärmlicher dabei. Wie die Macht kippt, wie sie sich geistig befreit, das spielen Hanke und Holst überaus kraftvoll.

Wenn die Vorhänge zugezogen sind, dann zeigt Videomann Daniel Hengst das Geschehen auf ihnen als Projektion. Das erlaubt schöne Konfrontationen, wenn zum Beispiel Nora als riesiger Kopf zu ihrer arbeitssuchenden, alleinerziehenden Freundin Christine spricht, eine Momentaufnahme der sozialen Stellung. Es ermöglicht aber auch einen filmischen Zugriff, zum Beispiel Nahaufnahmen von Gesichtern, so dass man dem bigotten Pastor Manders (Michael Witte) bei seinem Moralvortrag direkt ins Gesicht blickt. Und am Ende der „Gespenster“ spritzt Blut aus dem Off vor das Foto des toten Torvald Helmer wie einst in einem Hitchcock-Thriller.

Die „Gespenster“ leiden hingegen an der Anbindung an „Nora“. Helene Alving verließ ihren Gatten, weil der untreu war, ein Lüstling und Herumtreiber. Sie liebte den Pastor, aber der überredete sie, in die kaputte Ehe zurückzukehren. Nun ist Sohn Osvald zurück, der als Erbe seines Vaters an der Syphillis leidet. Gewiss ändert Voges einiges, lässt EleoNora von einer anderen Schauspielerin verkörpern. Aber er blendet eben doch immer wieder zurück, nimmt die „Gespenster“ als eine Art Rücknahme des Befreiungsdramas. Insbesondere der geänderte Schluss raubt dem Drama seine emotionale Wucht. Bei Ibsen verfällt Osvald (Björn Gabriel) der Paralyse, bleibt als schwerer Pflegefall zurück mit seiner Mutter, die nicht weiter weiß, ein Moment totaler Lähmung und Verzweiflung. Voges hingegen lässt Osvald Selbstmord begehen und EleoNora (Friederike Tiefenbacher) mal wieder fliehen, vielleicht in die nächste Folge dieser Serie. Irgendwie geht es immer weiter. Voges erzählt mit seinem Doppelabend eben eine andere Geschichte, eine mit Ausweg.

Der Abend hat gleichwohl seine Qualitäten. Der aggressive Witz Ibsens zum Beispiel wird präzise getroffen, zum Beispiel wenn sich der Pastor Manders und der Tischler Engstrand (Uwe Rohbeck) nach dem Abbrennen des neu gebauten Kinderheims zusammentun, um einen Seemannspuff einzurichten. Rohbeck und Witte geben ein feines Paar Komplizen ab. Das Ensemble überzeugt ebenfalls. Großer Beifall.

Nora 8., 14., 21.10.,

Gespenster 9., 15., 23.10.,

Tel. 0231/ 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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