Villa Hügel in Essen präsentiert Krupp-Fotografien 1949 – 1967

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Auf dem „Ausstellungsstand der Firma Krupp, Messe Hannover, 1961“ sind neue Produkte mit den „Drei Ringen“ zu sehen.

Von Achim Lettmann -  ESSEN Leicht und schnittig sieht der Roller aus, der auf der Messe Hannover 1961 präsentiert wurde. Die Firma Krupp stellte aktuelle Produkte vor, die den Stahlgiganten ins neue Zeitalter begleiteten. Was passierte mit dem Essener Konzern, der als „Waffenschmiede der Nazis“ weltweit diskreditiert war und nach dem 2. Weltkrieg einen Neustart unternahm?

Eine Fotoausstellung in der Villa Hügel in Essen zeigt, mit welchen Bildern sich das Unternehmen in der jungen Bundesrepublik und darüber hinaus interessant machte. „Wirtschaft! Wunder! Krupp in der Fotografie 1949 – 1967“.

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der nach den Anklagen der Alliierten 1951 wieder auf freien Fuß kam, konnte mit dem Mehlemer Vertrag 1953 die Firma unter Auflagen wieder übernehmen. Stahl und Kohle wurden entflechtet, das Unternehmen hatte eine Zukunft. Und mit Berthold Beitz als Generalbevollmächtigen der Krupp Werke sollte über neue Präsentationsformen ein neues Image entstehen. Das Unternehmen Krupp, das seit 1861 die eigene Firmengeschichte im Foto festhielt, setzte erstmals auf Fotografen, die nicht aus dem eigenen Haus kamen. Die Selbstdarstellung wurde über den Blick von außen geöffnet. Trotzdem bleiben die 114 Fotografien, die die Kuratoren Manuela Fellner-Feldhaus, Ute Kleinmann und Ralf Stremmel, Leiter des Historischen Archivs Krupp, aus 300 000 Aufnahmen ausgewählt haben, Auftragsbilder. Die Aufnahme von der Hannover Messe ist hell, setzt auf neue Linien. Denn das Unternehmen will einfach gefallen; auch dafür wirbt das Model hinter dem Roller. Dynamik, Mobilität und Lebensgefühl werden immer wieder transportiert. Bei der „Eröffnung des Krupp-Konsums Essen-Steele, 1951“ sind aber auch die Bewohner des Ruhrgebiets zu sehen, ihre Neugierde und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben kommen zum Ausdruck. Solche authentischen Eindrücke liefern einige Fotografien. Auch wenn Nostalgie mitschwingt.

Zielgenau arbeiten Fotografen wie Erich Lessing, der insgesamt 1300 Krupp-Fotografien (1955 – 1962) machte. Wie der Krupp-Erbe Alfried und der neue Firmenlenker Berthold Beitz zusammen arbeiten, ist eine Frage, die damals bewegte. 1957 sind sie zu sehen, mit Blumen, an einem Schreibtisch. Die Lessing-Fotografie soll Vertrauen spürbar machen, einen neuen Führungsstil zeigen. Das US-Wirtschaftsmagazin Fortune druckte 1956 eine Reportage über die Firma und Familie Krupp. Neben Lessing fotografierte Erich Hartmann und Ralph Crane. Die Illustrierten Life, Time, Stern und Spiegel wollten Bilder vom alten neuen Unternehmen. Magnum-Fotograf Rene Burri durfte in die Werke (1960 – 1967), ihn interessierten die Arbeiter. Im schmalen Schärfebereich seiner Fotografie „Vermessung eines Eisenbahnrades“ (1961) ist die Konzentration des Facharbeiters greifbar. Eine gar arbeitsferne Intimität gelingt mit dem Foto „Rahmenfertigung im Krupp-Lokomotivbau“ (1961). Zwei Arbeiter hocken zusammen, geheimnisvoll wirkt ihre Kommunikation. Neben menschlichen Aspekten bei Burri fängt Erich Lessing die Bewegung des Arbeiters ein, der „In der Schiffswerft AG Weser Bremen“ mit Trossen zu tun hat. Ein Schiffspropeller ist im Bild angeschnitten. Das Werkstück wird so abstrahiert. Beide Fotografen werden in einem Raum der Kabinettschau präsentiert.

Die Formensprache der 20er Jahre, das „Neue Sehen“, findet erst Einzug in den 50/60er Jahren der Kruppschen Werksfotografie. Nüchtern, kühl und menschenleer zeigt Albert Renger-Patzsch die „Montagehalle der Motoren und Kraftwagenfabriken“ 1953. Lkws sind gereiht. Der sterile Glanz des Neuen geht von ihnen aus. Für Renger-Patzsch, Vertreter der neuen Sachlichkeit, blieb die Industriefotografie nur ein „Broterwerb“. Er schrieb 1954, dass nur der Moment der Aufnahme interessant sei. Das Angebot von Krupp, die Firma zu fotografieren, schlug er aus.

Werkfotograf Alfons Bobkowski nahm Reportagen auf, die für die Werkszeitung „Krupp Mitteilungen“ gedacht waren. „Ein Tag im Leben von Rudolf Keller“, 1960, bietet chronologische Situationen eines Schlosser-Daseins. Wie hart und eintönig die Arbeit oft war, lässt sich nicht erkennen. Die Reportage „Frauen im Betrieb. Frauen bei Krupp“ (1962) zeigt nur ernste Gesichter und fleißige Mitarbeiterinnen. So sollte die Anerkennung im Männer-Betrieb gelingen.

Andere Akzente legt Robert Lebeck. In seiner Fotografie „Ferritmessraum“ (1965) ist eine modisch frisierte Facharbeiterin mit markantem Blick zu sehen, während eine blonde Frau mit Dauerwelle im Unschärfebereich versinkt. Lebeck, der mit Porträts von Konrad Adenauer und Romy Schneider bekannt wurde, ist bei Krupp als Industriefotograf unterwegs. Ein Sujet Lebecks, das die Schau in Essen herausstellt.

Insgesamt vermittelt die Ausstellung ein optimistisches offizielles Bild der Firma Krupp. 1958 galt Krupp kurzzeitig wieder als das größte Unternehmen in der Bundesrepublik. 70 000 Kruppianer waren Ende der 50er Jahre beschäftigt. Nur mit einer Lokomotiv-Fabrik war man 1949 gestartet.

Neuere Forschungen haben ergeben, dass Krupp sehr schnell wieder mit guten Facharbeitern produzieren konnte. Das „Wirschaftswunder“ war keine Magie, sondern berechenbare Arbeit.

Die Ausstellung bietet aber auch fotokünstlerische Aufnahmen, wie die „Stabbogenbrücke, Duisburg-Rheinhausen“ (1960), die Fritz Fenzl frontal aus Autofahrerperspektive erfasst und in eine klare konstruktive Schwarz-Weiß-Sprache überträgt. Ganz bauchig wird das Schiffsheck in der Aufnahme Schiffswerft AG „Weser“ (1964) von Fritz Henle, der eigentlich als Reisefotograf bekannt ist. Neue Märkte erschloss Krupp schon bald in Brasilien und Indien.

Die Schau

Das offizielle Bild eines Unternehmens, das nach dem 2. Weltkrieg ein neues Image brauchte, wurde von namhaften Fotografen mitgeprägt.

Wirtschaft! Wunder! Krupp in der Fotografie 1949 – 1967 in der Villa Hügel in Essen.

Bis 23. November; di-so 10 bis 18 Uhr; Katalog im Klartext Verlag, Essen, 12,95 Euro

Tel. 0201 / 61 62 9 0

www.villahuegel.de

Quelle: wa.de

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