Vier niederländische Landschaftskünstler in der Situation Kunst

+
Ein Rhythmus aus Landschaftsstreifen, mal realistisch, mal abstrahiert: Jaap van den Endes Bild „Duinen, wandelaars (informele systemen)“ ist in Bochum zu sehen.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Nimmt man nur einen Streifen aus Jaap van den Endes Bild „Duinen, wandelaars (informele systemen)“, dann hat man ein Stück heile Welt aus Holland. Man sieht ein Strandpanorama, die schäumende Nordsee, den Sand, ein wenig Grün und recht klein einige Spaziergänger.

Aber der 1944 geborene Künstler aus Delft begnügt sich nicht mit dem Postkartenrealismus. Er zeigt die Szene mehrfach, jeweils in drei Perspektiven: Mal schaut man nach rechts, mal nach links, mal aufs Meer. Und jeder dieser Blicke bekommt noch ein Echo, eine abstrahierende Improvisation über das Motiv, die man in der Montierung der sechs schmalen Leinwände zu einem Hochformat leicht widerfindet, die man aber ohne den realistischen Auslöser kaum identifizieren könnte.

Das Bild ist in der Ausstellung „Broken Landscapes“ in der Bochumer Situation Kunst zu sehen. Mit rund 70 Arbeiten werden vier Positionen der Landschaftskunst von vier Künstlern aus den Niederlanden gezeigt. Ger Dekkers (Jahrgang 1929), Jan Dibbets (1941), Ger van Elk (1941–2014) und van den Ende stehen alle in der Tradition der niederländischen Meister des Goldenen Zeitalters wie Jan van Goyen und Salomon Ruysdael. In ihren Werken spielen flache Horizonte und eine unterspielte, undramatische Darstellung eine wesentliche Rolle.Hinzu kommt aber der Bruch der Moderne: Längst schon ist Landschaft nicht mehr als harmonischer Ort denkbar, in dem sich Mensch und Natur begegnen. Landschaft wird genutzt, verbraucht, zerstört. Die Schau ist eine Koproduktion, die nach Bochum noch im Ludwig Museum Koblenz und im Stedelijk Museum Schiedam gezeigt wird.

Bei Jaap van den Ende ist weder der Strand noch der Blick auf Delft („Centrum, oeverzijde“, 2010) ein ungestört erfreulicher Anblick. Seine Übersetzungen, seine Reihungen öffnen den Blick für die menschlichen Manipulationen an der Gegend. Selbst die Dünen werden noch mit Zugängen gezeichnet. Die Stadt wird überplant, moderne Wohnhäuser überragen die historischen Bauten. Das Bild „Viaduct (kruisende parallel)“ (2006) zeigt als shaped canvass, als unregelmäßiges Vieleck, einen Verkehrsknoten, wie es sie in Holland so oft gibt, ein Gewirr aus Straßen, auf Betonstelzen gestellt.

Von Ger Dekkers sind Fotoserien aus den 1970er und 1980er Jahren zu sehen. Er nahm relativ langweilige Landschaften von einem festen Standpunkt auf und drehte von Bild zu Bild die Kamera ein Stück weiter. So wird „(In the middle of a) Triangle of Grass“ (1985) zum fotografischen Echo auf Mondrian. In einer strengen Zentralperspektive, in quadratischem Format sieht man auf dem ersten Bild einen Acker, den ein sattgrüner Grasstreifen teilt, als untere Bildhälfte, einen wolkenschweren blauen Himmel als obere. Der Horizont teilt das Bild in der Mitte. Der realistische Naturblick wird zur Übung in Geometrie. In den folgenden Aufnahmen hebt Dekkers die kamera, so dass der Himmel immer größere Anteile des Bildes einnimmt.

Jan Dibbets arbeitet konzeptuell: 1969 beschreibt er auf einer Collage mit Schwarz-Weiß-Fotos, einer Karte und Notizen einen Trip zu fünf Nordseeinseln. Mit einer Collage konstruiert er den „Dutch Mountain“ (1972), den holländischen Berg. Und in vielen Variationen setzt er Land, Meer und Himmel neu zusammen – in der korrekten Anordnung, aber mit harten, geometrischen Schnitten.

Ger van Elk kombiniert Fotografie und Malerei in seiner Serie „Kinselmeer“, bei der er Fotos übermalt und das Panorama-Format noch durch einen horizontalen Schnitt verstärkt. Der vor einigen Wochen gestorbene Künstler ist auch in einem ironischen Video von 1972 zu sehen, in dem er in einem Schlauchboot auf einem Kanal treibt und versucht, die Wellen mit einer Maurerkelle zu glätten. Natürlich vergeblich. Der Mensch kann seine Anwesenheit nicht aus der Landschaft tilgen.

6.9.–11.1.2015, mi – fr 14 – 18, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0234 / 29 88 901,

www.situation-kunst.de,

Katalog 24 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare