Das Victoria and Albert Museum aus London stellt in der Bundeskunsthalle Bonn aus

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Sensationell: Henry C. Pidgeon malte 1851 die Weltausstellung, hier den Indischen Hof. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BONN–Ein Schrank, der aussieht wie eine Kathedrale, mit Ranken und Streben wie aus Spitze. Ein Kaffeehausstuhl mit geflochtener Sitzfläche von Michael Thonet. Ein gusseiserner Ofen, der aussieht wie die Ritterrüstung in einer mittelalterlichen Burg. Darauf muss man erst einmal kommen, so etwas als Museumsstücke zu zeigen. Das Londoner Victoria and Albert Museum lockt damit jährlich drei Millionen Besucher, die ihren Geschmack bilden wollen. Nun stellt sich das Haus in der Bonner Bundeskunsthalle mit einer großen Ausstellung vor.

Das Victoria and Albert Museum verdankt seine Existenz der ersten Weltausstellung von 1851. Albert (1819–1861), Prinzgemahl der Queen Victoria, hatte das Großereignis angeregt. Der Spross des deutschen Adelshauses Sachsen-Coburg und Gotha, der in Bonn studiert hatte, ließ sich von Humboldts Bildungsidealen inspirieren. Zugleich sollte die Schau der englischen Wirtschaft auf dem Weltmarkt helfen, der dominiert war von kontinentaleuropäischen Produkten. Speziell Frankreich führte, was Innovation und Design anging. Also luden der Prinz und Henry Cole, Leiter der Government School of Design, Unternehmen der Welt ein, sich im gigantischen Crystal Palace, einem fast 600 Meter langen Bau aus Stahl und Glas, vorzustellen. Und Englands Handwerker und Erfinder sollten am Vorbild von 100 000 musterhaften Stücken von der Kaffeetasse bis zur Dampfmaschine, vom Altar bis zum Gemälde und zum Koh-i-Noor-Diamanten, lernen und staunen.

Es wurde ein Riesenspektakel. Sechs Millionen Besucher bescherten dem Unternehmen den gigantischen Gewinn von 186 000 Pfund. Genug, um ein Museum für Kunsthandwerk zu gründen, die Mutter aller derartigen Häuser, das zunächst Museum of Manufactures genannt wurde, später South Kensington Museum und erst 1899 seinen heutigen Namen erhielt. Rund 2,2 Millionen Objekte verwahrt das Haus heute, die Kuratorin Marie-Luise von Plessen wählte 400 Stücke für die Bonner Schau aus.

In der Ausstellung „Art and Design for all“ wird gar nicht erst versucht, die ganze Fülle der Londoner Schätze auszubreiten. Vor allem wird hier die Entstehungsgeschichte des Hauses dokumentiert. So sieht man zunächst Porträts von Victoria und Albert, dann Skizzen, Entwürfe, Dokumente der Weltausstellung. Vor allem die Aquarelle von James Roberts und John Absolon geben einen vorzüglichen Eindruck vom Ereignis: Lichte Räume, in denen Menschenmengen flanieren, gefüllt mit Skulpturen, Vitrinen, sogar Springbrunnen und Bäumen. Das mutet manchmal mehr wie eine moderne Shopping Mall an, und es diente ja dem Kommerz.

Die 16 Ausstellungskapitel erzählen anfangs mehr von den Bauten, den Neuerungen des Museums als von Schaustücken. Auch das Museum war ein großer Erfolg, es verfügte schon früh über Einrichtungen wie ein Museumscafe und Toiletten. Auch hier stand der Volksbildungsgedanke im Zentrum; man hoffte, dass die Arbeiter hierher kämen statt in die Kneipen Londons. Sie sollten ihren Geschmack ebenso bilden wie die Produzenten, das Museum sollte als Schaufenster des Konsums dienen.

Später wird aber auch beispielhaft die Breite des Museumsbestands dokumentiert. Anfangs wurden musterhafte Stücke der Gegenwart gesammelt, zum Beispiel französische und deutsche Design-Objekte. Dann kamen exemplarische historische Objekte hinzu. Hochbedeutsam war ein Abkommen der europäischen Fürstenhöfe darüber, dass man von den jeweiligen Kunstschätzen Kopien anfertigen wollte. So konnte ein Student im Londoner Museum anhand von Gipsabgüssen und Galvanoplastiken die komplette Kunstgeschichte erkunden. Beispiele dieser wichtigen Abteilung sind ebenso ausgestellt wie technische Objekte, die die Verlegung des transatlantischen Telegrafenkabels belegen.

Den Höhepunkt erreicht die Schau aber im Seitenkabinett. Dort sieht man einige exquisite Stücke der Arts-and-Crafts-Bewegung, die der Maler und langjährige Museumsmitarbeiter William Morris und andere initiiert hatten, um der seelenlosen Kommerzialisierung der Moderne entgegenzuwirken. Aus der Rückwendung zu den alten Künsten des Mittelalters entstand eine Ästhetik, die Art Nouveau und Jugendstil inspirierte. In Bonn sieht man zum Beispiel den herrlichen Wandteppich „Der Wald“ (1887) und die „Weine und Biere“-Anrichte (1859).

Außerdem gibt es hier Kostproben aus den Sammlungen außereuropäischen Kunsthandwerks, nicht nur Geschirr aus Japan, sondern auch Stücke aus Indien wie den Polsterstuhl aus Ebenholz und das filigran geschnitzte Schreibkabinett. Hinzu kommen erlesene Stücke aus der Islam-Abteilung, darunter mittelalterliche Kostbarkeiten wie ein Kerzenständer (um 1300– 1350) und eine gläserne Moschee-Ampel (zwischen 1356 und 1363). Hier blitzt die ganze Klasse der Museumsbestände auf.

Quelle: wa.de

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