Valery Gergiev und das London Symphony Orchestra in Essen

Von Edda Breski ▪ ESSEN–In dem Shakespeare-Stück „Viel Lärm um Nichts” wundert sich der scharfzüngige Benedick über die Macht der Musik: „Ist es nicht seltsam, dass Schafdärme einem Menschen die Seele aus dem Leibe zu ziehen vermögen?” Das London Symphony Orchestra hatte in Essen zwar keine Darmsaiten aufgespannt, das Konzert in der Philharmonie aber – auf dem Programm die sechste Sinfonie von Schostakowitsch und die fünfte von Tschaikowsky – füllte Chefdirigent Valery Gergiev mit exquisiten Momenten an. Er spürte der Wirksamkeit der beiden kombinierten Werke nach.

Die halbstündige Schostakowitsch-Sinfonie ist eine atypische Kombination aus einem langsamen Einführungssatz und zwei schnellen Sätzen, deren hektische Lustigkeit wie bei Schostakowitsch üblich mehrschichtig ist. Gergiev lässt sich viel Zeit. Im Largo scheint sich fast nichts zu tun, ein Dahintreiben an außerordentlich schöner Oberfläche. In diesem Treiben entstehen Inseln von sirenenhafter Schönheit. Die Solostelle für Horn, Celesta und Streicher ist ein gläsernes Wunderwerk: zerbrechlich und trügerisch, unwiderstehlich. Danach erhält die Musik eine Ahnung von Zerstörung. Gergiev steigert den Satz zu einer beinahe haptischen Qualität. Tragik maskiert hinter einem Gespensterreigen bestimmt den zweiten Satz, in dem die Violinen spielen wie hinter einem Schleier. Der dritte Satz ist ein Uhrwerk, das mit trügerisch-harmloser Korrektheit abläuft. Gergiev präsentiert seine wunderbaren Musiker – allen voran den Soloklarinettisten und den ersten Hornisten mit ihren herrlichen Soli – und stellt beim ersten Hinhören den schönen Klang in den Vordergrund.

Auch in der Tschaikowsky-Sinfonie, die mit einem strahlenden, aber manchmal überglatten Sound beginnt. Glanz und Bangigkeit schwingen von den ersten Tönen an mit, Gergiev arbeitet auf das berühmte Rätsel der Sinfonie hin, den abgedämpften Triumph, das Resignieren und das Umsichkreisen der Motivik im Schlusssatz. Unterwegs lässt er keine Gelegenheit aus, einen Tschaikowsky zum Dahinschmelzen zu bieten. Nicht kitschig, eher verlangsamt und sorgfältig ausgespielt. Gergiev versucht eine Balance zwischen der Analytik eines Mrawinsky und einem emotionaleren Zugang, der gerade Tschaikowsky im Westen immer populär gemacht hat. Die Zwischentöne wollen herausgehört werden.

Den dritten Satz dirigiert Gergiev, versierter Ballettdirigent, der er als Chef des Petersburger Mariinsky-Theaters ist, mit dem Pomp und Gestus eines großen Bühnenwalzers, bis die Geigenlinien verrutschen, sich bang um sich selbst drehen. Momente, die atemlos machen. Damit ist Gergiev wieder seinem Ruf gerecht geworden als einer, der, wenn er will, Musik bis zum Anschlag aufladen kann.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare