Werke der US-Künstlerinnen Jo Baer und Kathryn Andrews in Köln

Spiel mit Leere und Zeichen: Jo Baers Gemälde „Untitled (White Star)“ (1960/61) ist in Köln zu sehen.

Von Ralf Stiftel KÖLN - Kunstgeschichte ist allzu oft Männergeschichte. Das Kölner Museum Ludwig will dazu mit zwei Ausstellungen Gegengewichte setzen. Mit der Malerei von Jo Baer und den Skulpturen von Kathryn Andrews stellt das Haus die Werke zweier wichtiger US-Künstlerinnen vor.

Das Zentrum in Jo Baers Diptychen zeigt scheinbar nichts. Mehr als 90 Prozent der Bildfläche sind weiß angemalt. Für die Künstlerin freilich bedeutet das eben nicht nichts. Sondern sie zeigt das Licht, eröffnet dem Betrachter einen unbefangenen Blick auf eine Leinwand, die ja durchaus bearbeitet ist.

An den Rändern dieser Bilder spielt sich etwas ab. Ein breiter schwarzer Streifen setzt einen Rahmen. Und zwischen schwarz und weiß steht ein schmales Band, mal blau, mal gold, mal grün. Das muss man entdecken. Weil es zwischen schwarz und weiß steht, ergeben sich optische Effekte, scheint die Farbe im schmalen Streifen zu flirren. Die Kuratorin Julia Friedrich erklärt, warum Jo Baer Diptychen schuf, also zwei praktisch identische Bilder kombinierte. Was der Betrachter am ersten Gemälde übersieht, das entdeckt er vielleicht im zweiten. Baer verlängert die Seh-Dauer. Das zweite Bild ist, so Friedrich, eine zweite Chance.

Das mag sich etwas esoterisch anhören. Aber Baer, 1929 in Seattle als Josephine Gail Kleinberg geboren, prägte den Minimalismus mit. Sie hatte Biologie studiert, war um 1960 mit dem Maler John Wesley liiert und verkehrte mit Sol LeWitt und Donald Judd. Sie wandte sich der Kunst zu, schuf anfangs kleine Gouachen als Vorzeichnungen für Gemälde. Das Kölner Museum besitzt einige dieser Papierarbeiten, angekauft hatte sie auf Wunsch des Hauses Irene Ludwig. Hier ergab sich ein Anknüpfungspunkt für eine umfassende Ausstellung. Erstaunlich genug: Obwohl Baer schon 1968 bei der documenta IV präsentiert wurde, obwohl sie 1975 eine Retrospektive im New Yorker Whitney Museum hatte, gab es bislang noch keine Einzelausstellung in einem deutschen Museum. Und das, obwohl Baer sozusagen die Gegenposition zu LeWitt und Judd repräsentierte, weil sie im Minimalismus Malerin blieb, während ihre Kollegen jegliche künstlerische Handschrift ablegten und sich auf Objekte kaprizierten. Nun also kann man die noch immer aktive Künstlerin, die seit 1984 in Amsterdam lebt, kennen lernen – an rund 170 Exponaten.

Das bis 1975 geschaffene Frühwerk zeigt einen Weg der Reduktion. Die Gouachen zeigen knappe, von Geometrie bestimmte Zeichen in starken Farben. Zwei ausgeführte Gemälde zeigen, wie Baer die Skizzen ins große Format übertrug, im einen Fall (White Star) praktisch unverändert. Beim anderen Bild setzte sie zwei Streifen am oberen Rand in die schwarze Fläche zwei rote Sterne. Offensichtlich interessierte sie sich für das Wechselspiel zwischen einer gestalteten Umrandung und einer weitgehend beruhigten, meist weißen, manchmal grauen, roten, blauen, schwarzen Fläche.

Vielleicht wäre Jo Baer heute berühmter, wenn sie in dieser Richtung weiter gearbeitet hätte. Aber 1975 zog sie nach Europa, zunächst in ein Schloss nach Irland, dann nach Amsterdam. Und sie begann, figurativ zu malen. Aus der Minimalistin wurde eine Erkunderin weiblicher Befindlichkeit. Ein Triptychon zeigt männliche und weibliche Geschlechtsorgane. Andere Bilder überblenden weibliche Akte mit Tierkörpern. In „Shrine Of The Piggies“ (2000) überlagert die Zeichnung des Verdauungs- und Harntrakts eines Mannes den Blick in ein Bad mit Toilette und Urinal. Das Gemälde „Memorial for an Art World Body“ (2009) ist eine Art symbolisches Selbstporträt. Baer montiert aus Bildern dreier Männer eine Malcollage, dazu gehört ein Foto von ihr im Bikini, das ein Verehrer aufnahm, ein Gemälde ihres früheren Ehemannes John Wesley, dem sie Modell stand, und ein Vogel, den Bruce Robbins gemalt hat, ein Partner aus ihrer Zeit in Irland. Die Künstlerin betont, sie sei immer noch eine abstrakte Künstlerin, die aber mit Bildern arbeite statt mit Streifen und Zeichen. Man muss lange hinschauen, um die Kontinuitäten aufzuspüren. Aber schon 1960 zeigt eine Gouache einen liegenden Frauenakt, schwarztonig wie von einer griechischen Vase. Eine Serie von 1963 heißt „Juvenile Sex Symbol“, mit dem Weiblichkeitssymbol, das später in der Frauenbewegung populär wurde.

In Köln wurden die Werkkomplexe ineinander verschränkt. Der Besucher soll die Kontinuität in Baers Schaffen entdecken. Und gerät in ein Wechselbad der Bildkonzepte, das nicht ohne Reiz ist, aber auch irritiert.

Feministisches Denken beeinflusst auch die Arbeit der kalifornischen Kathryn Andrews. Sie zeigt in Köln vor allem chromglänzende Skulpturen, die sich mit Hollywood auseinandersetzen. Eine spiegelnde Säule hat auf Brusthöhe eine Öffnung. Schaut man hinein, blickt man in die Mündung einer Pistole. Die Waffe wurde in einem Film eingesetzt, nach dem auch die Skulptur heißt: „Lethal Weapon“ (2012). Eine Arbeit besteht aus einem Kleiderständer, einem Kleiderbügel und, kaum zu erkennen, einem Ring, den Ashton Kutcher in einem Film getragen hat. Die 40-Jährige reflektiert das Illusionsgeschäft der Filmindustrie, indem sie die Requisiten verwendet. So gibt es einen großen Rolltisch, der auf mehreren Etagen mit aufwendig verpackten Geschenken beladen ist. Aber die Last des „Gift Cart“ (2011) wird nie ausgepackt, die Präsente sollen nur auf der Leinwand gut aussehen. Alles kann man mieten, das glitzernd bunte Paket ebenso wie das Clownskostüm, und diese Flüchtigkeit der Dinge bringt Andrews in ihre Arbeiten ein. Einen Raum hat sie mit bunten Wandtapeten als kitschig-realistisches Riesenaquarium gestalten, in dem überlebensgroße Delphinschulen auf uns zuschwimmen.

Jo Baer – Malerei und Kathryn Andrews – Skulpturen im Museum Ludwig, Köln. Bis 25.8., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0221/ 22126165,

www.museum-ludwig.de,

Katalog Jo Baer, 34 Euro, Katalog Kathryn Andrews 25 Euro, beide Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare