Ulrich Greb inszeniert Brechts „Arturo Ui“ am Schauspielhaus Bochum

Die Kamera läuft immer mit: Szene aus „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ in Bochum mit Nils Voges, Daniel Stock, Ronny Miersch, Manfred Böll, Krunoslav Sebrek und Xenia Snagowski (von links). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Arturo Ui springt Frau Dullfeet an, drückt den Kopf in ihre Halsbeuge, beißt zu. Brechts Figur ist hier mehr als bloß ein Gangsterboss aus Chicago. In Bochum beißt das Raubtier wirklich zu. Ulrich Greb, Intendant des Schlosstheaters in Moers, inszeniert als Gast, und er führt die Bühnenparabel zurück zu ihren Ursprüngen.

Im Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ übertrug Brecht 1941 die politische Entwicklung in Deutschland ins Idiom des Gangsterkinos. Chicago sollte Deutschland darstellen, der Karfioltrust die Großindustrie, Uis Gangster die NS-Größen. Greb lässt das durchaus stehen, fügt aber ein wenig Mafia hinzu. Die Gangster sind also nicht nur Nazis, sondern auch Mafiosi. Der Blumenkohlkonzern wird modernisiert zum Supermarkt mit Regalen voller Markenware – wobei Pappaufsteller viele echte Packungen vertreten (Bühne: Birgit Angele). Das hat Tempo, wenn Uis Bande mit einer Sportlimousine auf die Bühne rauscht und quietschend abbremst. Es kommt vertraut vor, wenn jemand sein Handy für ein Foto zückt.

Manche Pointe fällt Greb ins den Schoß: Vor einer Woche noch war Ehec kein Thema und wäre der Satz: „Die Stadt braucht frisches Grünzeug“ unbelacht gesagt worden. Aber Greb blickt eben aufs heutige Mafia-Geschäft, zum Beispiel in Italien, wo ein moderner Führer wie Berlusconi die Macht weniger mit Gewalt als mit dem Einsatz der Medien ergriffen hat. Der Reporter Ted Ragg (Daniel Stock) hat bei Brecht einen eher kurzen Auftritt. In Bochum begleitet er Ui auf Schritt und Tritt. Sein Kameramann hält immer drauf. Wir sehen, was geschieht. Eine Schießerei bekommt den Flair einer Live-Reportage von einer Straßenschlacht in Kairo, und selbst die dümmste aller Fragen fehlt nicht: „Wie fühlen Sie sich?“

Wer genauer hinschaut, merkt bald, dass die Medienbilder von Ted.tv sich zuweilen von der Realität unterscheiden. Während Uis Bande den Supermarkt verwüstet, flimmert auf der Leinwand ein Standbild von einem Clubtreffen der Gangster. Später bei der Beerdigung stehen Gangster und Trust-Leute mit Schirmen im Licht. Auf dem Bildschirm sorgt strömender Regen für düstere Traurigkeit.

Auch sonst sorgt Greb für Aktion im Schauspielhaus, lässt den reingelegten Dogsborough durch Reihe 9 im Zuschauerraum flüchten und Ui hinterhereilen, lässt die Schauspieler alte Schlager wie „Blue Bayou“ a capella anstimmen und am Ende Kohlköpfe hageln. Die Darsteller sehen aus wie Figuren aus Filmen von Fellini oder Tarantino. Die Korruption, die Ui (ausgerechnet) beklagt, ist allgegenwärtig: Im Abgehen greift sich ein Zeuge ein Paket aus dem Regal und steckt es unter die Jacke. Und immer wieder steckt Gemüsehändler Hook (Roland Riebeling) leuten Umschläg zu.

Und am Ende wird Ui entsorgt, die Bühne verwandelt sich in eine Showbühne und die Trustler und restlichen Gangster tanzen zur „Swinging Safari“. Die Warnung, der Schoß sei fruchtbar noch, aus dem das kroch, die wird zur unverbindlichen Abmoderation. Mag sein, dass Greb eine Generalkritik an der Kulturindustrie beabsichtigt, die selbst die Wahrheit noch dadurch entkräftet, dass sie im Kleid des Entertainments daherkommt. Aber seine Inszenierung leidet auch an der Überambition, Brechts Satire auf die Nazis bewahren und zugleich moderne Phänomene wie das System Berlusconi in Italien treffen zu wollen. Die spaßige Seite des Abends funktioniert. Die ernsteren Aspekte erschließen sich nicht immer.

Das Ensemble hingegen nutzt die Möglichkeiten der Politfarce. Den Ui spielt Xenia Snagowski, eine zierliche Frau mit modisch blonder Stirntolle, die sie immer wieder mit der Hand nach rechts wischt. Sie zeigt den großen Verführer als schillernde Leerstelle, bettelt mal kindchenhaft, versucht sich als Verführerin, hat eine großartige Szene im „Vertrauens“-Monolog, den sie wie ein Motivationstrainer vorträgt, und auch den Vampir nimmt man ihr ab. Manfred Bölls Dogsborough ist auf „Pate“ geschminkt, ein schön zögerlicher, dann verführbarer, dann verzweifelter Ehrenmann.

31.5., 4., 12., 19., 26.6., 1., 10., 17.7.,

Tel. 0234/33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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