Tschechows „Kirschgarten“ am Theater Oberhausen

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Zwei kriegen sich nicht: Szene aus dem „Kirschgarten“ in Oberhausen mit Annika Meier und Jürgen Sarkiss. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Lopachin feiert seinen Triumph mit einem Freudentanz. Er springt ausgelassen über die Bühne, er wirft seinen Hut in die Luft, er schreit es heraus: Er hat jetzt das Sagen. Am Theater Oberhausen treibt Intendant Peter Carp den Testosteronspiegel nach oben bei seiner Inszenierung von Anton Tschechows melancholischem Stück „Der Kirschgarten“. Mehr als einmal macht das Dienstmädchen Dunjascha (Manja Kuhl) Herren schöne Augen. Sie bilden Paare, sie suchen Nähe. Und immer spielt Country-Musik.

Carp hat für seine Inszenierung Tschechow neu ausgerichtet. Nicht mehr in der russischen Provinz verliert Gutsherrin Ranewskaja (Nora Buzalka) ihren Besitz, weil sie sich vom nutzlosen, aber mit Erinnerungen beladenen Kirschgarten nicht trennen mag. Das hier ist das Mutterland des Kapitalismus, der Wilde Westen, wo sie nicht lange fackeln, auf schnelles Geld aus sind. Die Damen tragen die letzten Fummel aus dem Saloon. Die Männer, nein: die Kerle haben natürlich Hüte auf. Die Bühne hat Ralph Zeger mit alten Möbeln eingerahmt, deren Türen als sinnentleerte Schaustücke in die Wände eingearbeitet wurden. Alles Fassade, nur auf der Bühne haben wir Theatersitze, was natürlich kein Zufall ist.

Carp liest Tschechows Elegie auf eine Epoche aktuell. Jeder hat „seinen Kirschgarten“, seinen privat wertvollen Besitz. Für Carp und sein Team ist es das Theater, das bekanntlich von den Sparplänen der abgewirtschafteten Ruhrgebietsstadt akut gefährdet ist. So fallen am Ende keine Bäume, sondern werden die Theatersitze abmontiert. Der Profitmaximierung des Kapitals fällt der materiell nicht darstellbare Schatz der Kultur zum Opfer. Damit nicht genug: Carp aktualisiert den Text, schmuggelt in die hochtrabende Utopie des revolutionären Studenten Petja (Caspar Kaeser) Gedanken über die Bildung der Unterschicht ein bis hin zum böse ironisierten, atemlos herausgerufenen Titel eines Vorzeigeprojekts der Landesregierung: „Jedem Kind ein Instrument.“ Und auch der Inbegriff des Wirtschaftsliberalen darf nicht fehlen, Guido Westerwelles wahrlich zynische Äußerung über die „spätrömische Dekadenz“ im Zusammenhang mit Hartz IV wird von einem Sprecher aus dem Off vorgetragen.

Die Inszenierung wendet Tschechow so schlüssig auf die Probleme der Gegenwart an, dass der Kern des Stückes verloren geht. Wo sind denn all die traurigen Liebesgeschichten in den Auf- und Abtritten, den Gehopse und Geflirte geblieben? Sie sprechen den Text, aber sie hören nicht hinein. Oft genug hat das Ensemble in Oberhausen seine Qualitäten bewiesen. Hier sind die Darsteller eingeengt, so dass selbst Nora Buzalka als Ranewskaja blass bleibt. Am Ende, da vermittelt die Inszenierung eine Ahnung von Tschechows Vergeblichkeitsstück. Da haben Jürgen Sarkiss als Lopachin und Annika Meier als Warja ihre letzte Aussprache, bei der sie noch einmal den Heiratsantrag umgehen, den sie das ganze Stück lang mit sich herumschleppen. Sie könnten als Paar glücklich werden. Sie wissen, was sie zu tun haben. Aber sie schaffen es nicht. Unverlobt verlassen sie einander.

Denn Lopachin mag zwar in seiner Kaufmannsexistenz aufgehen. Kein Wunder, er stammt ja aus der Unterschicht, ein erfolgreicher Aufsteiger. Aber er greift erst nach dem Gut und dem Kirschgarten, als die Ranewskaja seine Empfehlungen mehrfach ausgeschlagen hat. Ihn nun am Diaprojektor mit wuchernden Ferienhaussiedlungen gleichsam als Heuschrecke darzustellen, das behandelt diesen Charakter viel zu einfach.

Quelle: wa.de

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