Schnelldurchlauf durch 26 Titel

Diven mit Bart und ohne: Topps und Flopps des ESC

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Conchita Wurst irritiert und polarisiert. Die bärtige Diva ist eine Kunstfigur des österreichischen Travestie-Künstlers Tom Neuwirth und wird als einer der Favoriten im Finale des Eurovision Song Contest am Samstag in Kopenhagen gehandelt.

Von Ralf Stiftel KOPENHAGEN - Samstag ist Wahltag in Europa. 37 Länder entscheiden in einer Angelegenheit, die wirklich zählt: Welcher Drei-Minuten-Schlager wird zum Hit für den Kontinent? Die große Show aus Kopenhagen vereint ein Millionenpublikum vor dem Bildschirm.

Es wird bunt. Es wird laut. Es wird geturnt. Es wird seltsam, manchmal sogar magisch. Als Orientierungshilfe für einen langen Abend hier wieder die 26 Titel der Endrunde im Schnelldurchlauf:

Infos:

Die ARD beginnt ihre Berichterstattung zum Eurovision Song Contest an diesem Samstag um 20.15 Uhr mit dem „Countdown für Kopenhagen“.

Um 21 Uhr schließt sich „das Finale aus Kopenhagen“ an.

Wir werden auf unserer Internetseite einen Live-Ticker anbieten!

1. Es beginnt Maria Jaremtschuk, deren Gute-Laune-Batterie öfter mal einen Aussetzer hat. Aber in der Ukraine wissen sie sich zu helfen. Für den Dance-Titel „Tick-Tock“ hat die Sängerin sich einen Sprinter im Hamsterrad mitgebracht. Immer wenn ihr der Saft ausgeht, startet der Mann richtig durch.

2. Teo ist in Weißrussland  weltberühmt. Jetzt rumpelt und hoppelt er sich mit vier Kumpels durch „Cheesecake“ als Abziehbild westlicher Boygroups. Aber welches Mädchen möchte schon einen Jungen, der sich als Käsekuchen anpreist? Dagegen ist ein Weichei ein Kerl.

3. Fern klagt die Steppenflöte, nah klimpert das Piano, dazwischen versucht Dilara Kazimova für Aserbaidschan  einzuheizen: „Start A Fire“. Viel eher als die schwermütige Weise fesselt die Tänzerin am Trapez: Stürzt sie gleich ab?

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4. Hier haben nicht die Teletubbies ihre Bärte gekämmt. Die Männer in den bunten Anzügen bearbeiten in Island  aber die gleiche Zielgruppe. Das fröhlich-rockige Plädoyer von Pollapönk gegen Vorurteile, „No Prejudice“, nimmt zwar auf die Klassenschwächsten allzuviel Rücksicht, ist aber trotzdem liebenswert.

5. Carl Espen aus Norwegen  hat die Ärmel aufgekrempelt, damit man an seinen Tattoos erkennt, was für ein böser Junge er ist. Aber in ihm steckt ein zartes Seelchen, das auch mal raus will. Und so beschwört das Biest ohne seine Schöne, aber mit vier Fiedelengeln im Hintergrund, den „Silent Storm“.

6. Rumänien  hat sich auf die Alt-Song-Entsorgung spezialisiert. Paula Seling & Ovi haben in „Miracle“ die noch verwendbaren Teile aus Cascadas Vorjahresflop „Glorious“ aufgearbeitet. Er steht im Keyboard-Kreis, sie wirft die Stimmsirene an, es bleibt peinlich.

7. Ein Viertelpfund Kreide hat der Eintänzer Aram MP3 aus Armenien  mit einem Viertelliter Kamillenteekonzentrat runtergegurgelt, um seine Stimme in „Not Alone“ in den Schmalz-und-Balz-Ton abzudimmen. Das wirkt eine Minute 37 Sekunden. Dann bricht wieder der Macker durch, der ein Weibchen zum Anlehnen für seine starke Schulter sucht. Oder zwei. Oder drei.

8. Fern der Heimat in Montenegro  übermannt die Sehnsucht Sergej Cetkovic. Da tiriliert eine Flöte, ein paar Geigen schluchzen mit und eine gute Fee auf Rollschuhen zeichnet beruhigende Muster auf den Bühnenboden. Ihm fällt wieder ein, wovon er singen wollte. Vom Vaterland, von seiner Welt: „Moj Svijet“.

Donatan & Cleo

9. Polen  hebt sich wohltuend ab von all den Ländern, die plump auf Sex und knappe Kleidchen setzen. Donatan & Cleo bringen echte Landfrauen in bunten Trachten auf die Bühne, die an Waschzuber und Butterfass arbeiten. Außerdem gefällt „My Slowianie“ durch seinen komplexen Rhythmus, feine Harmonien und starke Stimmen.

10. In Griechenland  stehen die Dinge noch schlechter, als die schlimmsten Pessimisten befürchtet haben. Den Mutmachsong „Rise Up“ rappen Freaky Fortune feat. Risky Kidd unbeschwert von Talent oder Inspiration, und wenn ihnen nichts mehr einfällt, springen sie aufs Trampolin.

Conchita Wurst

11. Das Abendkleid umschmeichelt die Figur. Der Bart: perfekt getrimmt. Der Name ist Wurst, Conchita Wurst. Aus Österreich  kommt der vollendete Titelsong für einen noch ungedrehten Agententhriller: „Rise Like A Phoenix“. Der Auftritt ist ein Schlag auf die Fresse der Intoleranz. Mehr Eleganz sehen Sie heute nicht mehr – und es singt auch noch himmlisch.

Elaiza

12. Deutschland  setzt auf Jugend und Internationalität und Polka. Die drei Mädchen von Elaiza schrammeln sich durch „Is It Right“. Das ist sympathisch. Viel Punkte wird’s dafür aber wohl nicht geben.

13. Sanna Nielsen ist in Schweden  Landesmeisterin im Stimmüberschlag. Sie hat die Kondition, sie ist blond, sie hat die Lizenz zum Flöten. Und so jauchzt sie sich durch die pathetische Ballade „Undo“.

14. Warum nur heißt die Gruppe aus Frankreich  Twin Twin, wenn da doch drei auf der Bühne stehen? Und wie kommen ausgerechnet die Herren aus dem Mutterland der Liebe darauf, sich einen „Moustache“ zu wünschen, weil darauf die Damen fliegen? Abgesehen davon sollte jemand ihnen verraten, dass das Absingen alberner Lieder den Bartwuchs nicht fördert.

Tolmatschewy Twins

15. Trauen Sie Russland  nicht! Die Tolmatschewy Twins sehen auf der Wippe harmlos aus. Tatsächlich greift Putin mit ihnen nach der Weltmusikherrschaft. Die Noten von „Shine“ hat der KGB schon 1969 unterm Bett eines Hippie-Barden in San Francisco aufgespürt. Sibirische Musikingenieure haben einen hochtoxischen Lana-del-Rey-Algorithmus implementiert. Zum Glück für die Welt haben sie vergessen, den Faktor „totale Hörigkeit“ zu aktivieren.

16. Emma Marrone trägt für Italien  „La Mia Città“ vor. Und kommt rüber wie Gianna Nannini auf Frischzellen, Speed und Botox.

17. Tinkara Kovac aus Slowenien  weiß eigentlich nicht, wohin mit der Querflöte. Nur am Anfang von „Spet“ (Round And Round) tut sie so, als würde sie spielen. Und dann jallert sie zwei Textzeilen immer wieder, herum und herum, bis die drei Minuten voll sind.

18. Abi-Ball im Städtchen Seinäjoki im Westen von Finnland. Auf der Bühne steht die Band Softengine. Nach vielen Stadionhits von U2 bis Coldplay spielen sie als Zugabe „Something Better“, ihren eigenen Song. Musiklehrer Matti Virkronen wippt stolz mit der Fußspitze. Und alle Mädchen kreischen.

19. Spanien  hat der Welt so viel geschenkt: Olé, Flamenco, Corazon, Cojones. Nichts davon fand in das Lied „Dancing In The Rain“ von Ruth Lorenzo, die als Mauerblümchen beginnt und als Heulboje endet.

20. Sebalter pfeift sich erst mal eins, ehe er ganz unverkrampft „Hunter Of Stars“ schmettert. Einfach ein flottes Lied mit Banjo. Der Vertreter der Schweiz  erweist sich als Meister des Multitasking, rennt, geigt und haut auf die Pauke. Daheim auf der Alm macht er außerdem noch einen Käse.

21. Der fluffige Soul von Andras Kallay-Saunders aus Ungarn  fordert auf zum Tanz. „Running“ prägt sich ein. Aber das Liedchen ist zu klein für das große Thema Kindesmisshandlung. Die Ausdruckstanzeinlage macht den Auftritt vollends zu Betroffenheitskitsch.

22. Kostüme, Pomp und Feuerwerk werden einfach überbewertet, das beweisen Firelight aus Malta. Da stehen sechs junge Leute herum und singen „Coming Home“, frisch, fromm, folkig. Und es ist richtig nett.

23. Verneinungen solltest du unbedingt vermeiden. Wenn Basim für Dänemark  singt, „I’m not a cliche baby“, darf man sicher sein, dass im „Cliche Love Song“ aber auch gar kein Klischee ausgelassen wird. Das ist so angestrengt süß und gutgelaunt, dass man davon einen Zuckerschock bekommt.

24. Frisch von der Prärie in Overijssel sind die Common Linnets eingeritten. So einen Sound wie bei „Calm After The Storm“ kriegt man nur mit jahrelangen Anwendungen von Halfzware, Ouden Genever und Edamer hin. Urwüchsiger Country aus Holland.

25. Hat der alte Hexenmeister es doch noch einmal ins Finale geschafft. Ralph Siegel schrieb „Maybe“ für San Marino. Seine Finger auf den Klaviertasten sind das einzige, was sich beim Auftritt bewegt. Sängerin Valentina Monetta und den säuselnden Chor steuert er mit reiner Gedankenkraft.

26. Hat jemand Großbritannien  vermisst? Doch, das Mutterland des Pop ist dabei. Eine starke Stimme hat Molly Smitten-Downes, aber in der bombastischen Hymne „Children Of The Universe“ fehlt es an Leidenschaft.

Quelle: wa.de

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