„Toi Toi Buh“: Jonas Gruber spielt postdramatisches Theater in Bochum

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Der Kamm sitzt: Jonas Gruber in „Toi Toi Buh“.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Den ersten Lacher gibt es für das Kostüm: Ein XXL-Handschuh als Mütze für den Kamm, ein Federbett vom Bauch zwischen die Beine nach hinten gebunden, fertig ist der Hahn. So möchte niemand rumlaufen. Jonas Gruber aber hat sich auf die Rolle im Kinderstück bestens vorbereitet: Mit Method Acting im Hühnerstall, Probesitzen auf der Stange inclusive.

Als es im Bochumer Prinz-Regent-Theater losgeht, sagt die kühle Frauenstimme aus dem Lautsprecher gerade die Pause an. Jetzt ist das Publikum mit Gruber allein – und der lädt seinen Frust ab.

Der Hahn hat sich nämlich bei einer Flugnummer auf den Schnabel gelegt und wurde von den lieben Kleinen ausgelacht. Und jetzt? Da geht er nicht mehr raus, mag der Intendant auch noch so zetern. Jonas Gruber nimmt die Zuschauer als Geiseln. „Käfighaltung für Zuschauer. Ich oben, Sie unten. Ich spiele, Sie klatschen.“

Jonas Gruber, geboren 1977 im schweizerischen Pfäffikon, hat am Schauspielhaus Bochum, in Essen, Köln und Düsseldorf gespielt. Man sah ihn in TV-Produktionen wie dem Kölner „Tatort“ und „Alarm für Cobra 11“. Jetzt hat er sich einen Soloabend auf den Leib geschrieben: „Toi Toi Buh“ (Regie: Nicole Kersten). Er nennt es „postdramatisches Stand-up-Theater“. Neunzig Minuten lang arbeitet Gruber sich am Theater und am Leben ab, und das ist nicht nur des Kostüms wegen ziemlich lustig.

Theater über Theater bietet ja Anschlussmöglichkeiten für nahezu alle Lebensbereiche. Da plaudert Gruber locker darüber, dass die Schweizer alle nett und freundlich sind, dass selbst die Schurken im Schweizer Fernsehen freundlich aussehen. Deutschland sei da besser, da sehe man den TV-Verbrechern ihre Gemeinheit gleich an. Gruber beichtet, wie er als Hamlet ausgerechnet beim berühmtesten Satz einen Hänger hatte und bringt das mit seinem Engagement für den Stotterer-Verband zusammen. Wie er am Telefon mit dem Verbandsvorsitzenden spricht und vom einen Moment zum nächsten kein Wort mehr heil herausbringt, sozusagen infiziert vom Handicap seines Gegenübers, das zeigt den Mann durchaus auf der Höhe der Schauspielkunst.

Mit seiner Aufmachung geht er souverän um, holt aus den Tiefen des Kissensacks eine Bierflasche, ein Mobiltelefon, das Tagebuch seiner Frau, aus dem er mal eben eine Passage vorliest.

So streift er, was Schauspieler umtreibt. Den Unterschied zwischen einer Rampensau und einer „Brandmauergazelle“. Wie man „Richard III.“ richtig angeht, unterspielt in Schwyzerdütsch statt immer so grell und vordergründig. Das richtige Verbeugen, das nicht so einfach ist, wie alle denken. Zwischendurch kommt er auch noch – Blitz-Kostümwechsel – als opportunistisch-schmieriger Intendant nach vorn. Pfiffige Gastauftritte haben als Stimmen aus dem Off Grubers Ehefrau Maike Kühl und der Kölner „Tatort“-Kommissar Dietmar Bär.

Das darf ein wenig gestrafft werden, nicht jede Pointe zündet gleich gut. Dann könnte man auch auf die dramaturgisch unpassende Pause verzichten. Aber Spaß macht der Gockel unbedingt.

18.4., 8.5., Tel. 0234/ 77 11 17, www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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