Das letzte Hemd: Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ am Schauspiel Dortmund

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Szene aus der Dortmunder Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“.

DORTMUND - Schlimmer, lächerlicher, verlassener kann ein Mann kaum dastehen: Willy Loman, Arthur Millers berühmter Handlungsreisender, hat nur noch Unterhose, Hemd und Socken an. Seine Söhne haben ihn im Restaurant sitzenlassen. Wie ein weggelaufener Demenzkranker weiß er zwischen Orten und Zeitebenen nicht zu unterscheiden.

Von Edda Breski

Am Schauspiel Dortmund verkörpert der massige Andreas Beck Willy Loman als kranken Mann, der zwischen Kreditraten und zerplatzten Lebensträumen Selbstmord machen will, weil sein Tod seinem Lieblingssohn Biff noch etwas Geld einbringen könnte. Beck trägt den Abend mit einer berührenden schauspielerischen Leistung.

Die niederländische Regisseurin Liesbeth Coltof lässt offen, was Rückblende ist und was Traum. Sie dreht eine Spirale aus Szenen, Bildern, Sätzen. Mit jeder Umdrehung kommt ein Aspekt hinzu, ein anderer kann dafür zurücktreten. Alle Figuren verändern sich, jeder wechselt Gesicht und Anzug. Nichts ist fix außer Loman, der erschöpft und bleich durch die Szenen wandert, ein Träumer von einer besseren Zukunft, die nicht kommt. Seine Hoffnungen und seine Prahlerei werden durch dauernde nackte Angst zum Krankheitsmuster.

Linda Loman, von Carolin Wirth als erstarrende Co-Abhängige gespielt, erscheint entweder im grauen langen Cardigan, einer Kittelschürzen-Variante, oder im sonnengelben Dress als liebende Hausfrau (Kostüme: Carly Everaert). Seine Söhne ziehen ihre Erwachsenenkleidung aus und laufen als Kinder im Sportdress auf. Loman steht zwischen herumgewürfelten Kühlschränken und Waschmaschinen wie in einem aufgelassenen Quelle-Shop (Bühne: Guus van Geffen). Coltof liebäugelt mit einer Aktualisierung des 65 Jahre alten Stücks, bleibt aber doch beim zeitlosen Drama vom überforderten Menschen.

Krank vor Ziellosigkeit und Frust sind Lomans Söhne. Happy, den Älteren, stets Übergangenen spielt Sebastian Graf als angilbenden Womanizer. Biff, der Hoffnungsträger, dekonstruiert sich selbst. Peer Oscar Musinowski lässt die Fassade des lustigen Sportlers aufreißen, dahinter ist viel Leere.

Loman selbst hat nie eine Chance gehabt. Liegt das auch in ihm selbst begründet? Coltof gibt darauf keine Antwort. Der Zuschauer muss seine eigene Haltung formen, muss sich auch überlegen, wann Willy Loman halluziniert. Ihm erscheint sein Bruder Ben, der eigentlich tot ist, von Willy aber mit allen Attributen eines echten Kerls ausgestattet wird: reich, erfolgreich, ein Abenteurer. Sterne werden projiziert, Geigen tönen. Uwe Rohbeck wechselt dann den Anzug und ist Charlie, den Loman verachtet, von dem er sich aber viel Geld leiht. Carolin Wirth zieht das Kleid aus und gibt im Unterzeug die Affäre, die mit Loman für zwei Paar Damenstrümpfe ins Bett geht.

In der langsam drehenden Szenenspirale, die Coltof in Gang setzt, drehen sich die Figuren wie Fetzen von Erinnerung mit. Es kann sich nichts entwickeln, wo von Anfang an Leere ist. Allerdings lahmt so, zwischen starken Szenen, der Fortgang des Stücks.

Coltof skizziert Ideen, die im Verlauf auch wieder auftauchen, aber für Leitmotive zu zurückhaltend sind. Das ist die Gefahr eines offenen Konzepts. Coltofs Arbeit ist eigentlich stimmig, die Haltlosigkeit der Figuren gut in eine Bühnenhandlung gefasst, etwa wenn Loman gegen städtebauliche Verödung durch die Aussaat von Möhren angehen möchte: Willy, der Guerilla-Gärtner.

Dankbar ist die Inszenierung des strahlenden jungen Biff als Fußballer: 80 000, so viele wie ins Dortmunder Stadion passen, sollen ihm zuschauen. Es laufen Videoaufnahmen eines blonden Jungen, der beim Kinderfußball unermüdlich über den Platz rennt, dazu jubelt Händels „Messias“. Die Ironie tut gut.

Die Symbolik von Lomans „letztem Hemd“ in der Restaurant-Szene ist vielleicht etwas offensichtlich, wird aber von Coltof in eine passende Darstellung des Niedergangs verwandelt und von Andreas Beck sicher umgesetzt. Die Regisseurin benutzt außerdem ein womöglich nicht überwältigend originelles, aber wieder überaus passendes Bild für ein Leben, das aus der Spur kommt: Während Willy davon spricht, dass er die Verkaufsfahrten nicht mehr schafft, rauscht über die Videoleinwand Autobahnverkehr, der sich in slow motion verzähflüssigt.

„Tod eines Handlungsreisenden“ erzählt auch von identitätsloser Männlichkeit. Wenn Loman seine Frau nicht schuldenfrei versorgen, seinen Jungs kein Kapital mitgeben kann, was ist er dann wert? Dazu hätte man sich ein paar klare Gedanken von Coltof gewünscht.

23., 24.10., 8., 23.11., Tel. 0231/50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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