Tocotronic im FZW Dortmund

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Im Scheinwerferlicht: Dirk von Lowtzow spielt mit Tocotronic im Dortmunder FZW.

DORTMUND - „Jetzt spielt doch mal Protestsongs“, wird Tocotronic während ihres Dortmund-Konzertes am Donnerstag im FZW zugerufen. „Das machen wir doch schon die ganze Zeit. Hör doch mal genau hin“, antwortet Bassist Jan Müller.

Nun ja, einfache und plakative Botschaften sind nicht mehr das Ding der vierköpfigen Hamburger Band um Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow. Denn die Band, die es nun schon seit 1993 gibt, ist nicht in ihrer eigenen Sloganverbreiterei aus der Anfangsphase haften geblieben. In diesem Jahr stellt die Band ihr „Rotes Album“ - es ist ihr mittlerweile elftes – vor, dass sich thematisch als Liebeslieder-Sammlung präsentiert. Doch von Kitsch und Happyend ist die prägende und richtungsweisende Indie-Rockband aus der einstigen Hamburger Schule dabei weit entfernt. Denn von Lowtzows Lyrik ist sowohl geheimnisvoll und manchmal merkwürdig, aber auch eingängig und öffnet häufig Horizonte.

Aber eigentlich, so sagte von Lowtzow in einem Interview, sei es erstaunlich, dass sich so viele Leute die vertonten Insiderwitze der Band anhören würden.

Die Songs vom neuen Album sind alleine optisch schon gut auszumachen – zu ihnen wird die Bühne in rotes Licht getaucht. „Prolog“, ein mystisch wirkender und treibender neuer Song wohl auch irgendwie über das Verlorensein und eine undefinierte Sehnsucht, bildet den Auftakt. „Die Erwachsenen“ kündigt von Lowtzow als „Tanzlied des Hasses“ an – das von Jugendlichen, die doch einfach nur sie selbst sein sollen, gegenüber seiner eigenen Generation. Irgendwie grenzt sich da jemand gegen sich selber ab. Und da Tocotronic immer noch den richtigen Ton treffen, erneuert sich auch permanent ihr Publikum, denn viele junge Anhänger sind zu dem Konzert gekommen.

Die Band ist dabei bester Laune und spielt sich in 21 mitreisenden Songs durch alle Phasen und Facetten ihrer Geschichte. Wenn die Fans im gut gefüllten FZW den Songitel „Aber hier leben“ lautstark mit „Nein Danke!“ ergänzen sollen, erinnert ihn der erste zögerliche Versuch an „die wenigen Zuschauer in Saarbrücken“. Als es ein bisschen lauter wird, folgt ein einordnendes „Wuppertal“ -- bis endlich die anschwellende Lautstärke für von Lowtzow akzeptabel ist.

Die Band wählt zudem eine ganz enge Anordnung auf der ohnehin eher kleinen Bühne - und das ganz vorne am Rand. So entsteht eine wärmende und intime Atmosphäre.

Rick McPhail muss sich bei den neuen und eher schlanker arrangierten Liedern ein wenig zurücknehmen. Rockig austoben darf der vor über 20 Jahren wegen einer Liebschaft nach Hamburg gekommene US-Amerikaner sich bei „This Boy Is Tocotronic“ und „Let There Be Rock“ und vor allem im fulminanten Song „Explosion“, der in einer indifferenten Stromgitarrenwand endet. Zu „Sag alles ab“ und dem ironischen Verweigerungshit „Macht es nicht selbst“ tanzen große Teile des ansonsten andächtig lauschenden Publikums wild umher.

Nach anderthalb Stunden und dem kraftvollen Abschlusslied „Pure Vernunft darf niemals siegen“ endet ein großartiger Abend -- und mit zahlreichen Rätseln, die einem Dirk von Lowtzow mit auf dem Weg in die Kälte gegeben hat.

11. November, Kölner E-Werk

Quelle: wa.de

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