Tobias Lenel inszeniert die „Buddenbrooks“ in Münster

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Kinderzeit in Lübeck: Szene aus den „Buddenbrooks“am Stadttheater Münster mit Bernhard Glose als Christian und Julia Stefanie Möller als Tony. J

Von Edda Breski ▪ MÜNSTER–Es ist eine berühmte Szene aus dem Roman „Die Buddenbrooks“: Die Familie feiert Weihnachten. Man sitzt beisammen, die Kinder spielen mit einem überdimensionierten Puppenhaus; eines, das in diesem Fall aussieht, als könnte es am Prinzipalmarkt stehen. An den Städtischen Bühnen Münster werden die „Buddenbrooks“ in der Dramatisierung von John von Düffel gezeigt. Das Stück konzentriert sich auf die Geschwister Tom, Tony und Christian. In der Regie von Tobias Lenel werden die „Buddenbrooks“ zu einer Nacherzählung mit belustigenden Elementen.

Die Familie spricht zwar hanseatisch, zumindest geben sich die Darsteller Mühe, aber der Konsul (Wolf-Dieter Kabler als altväterliches Schlitzohr) und seine Gattin Bethsy (Carola von Seckendorff) passen eher ins Münsterland, in den selbstzufriedenen Landadel, den man an den Städtischen Bühnen gern nachzeichnet: arriviert und in sich erstarrt. Das angedeutete Wohnzimmer (Bühne und Kostüme: Birgit Angele) enthält die Insignien des Bürgertums: vom Flügel bis zum edel gedeckten Kaffeetisch, von der grünbeschirmten Lampe bis zum berühmten „Familienbuch“, in dem die Buddenbrooks ihre Geschichte aufzeichnen. Der von Mann beschworene Aufstieg der Familie ist vollzogen, aber weshalb, ist unklar: die Tatkraft der Kaufmannsdynastie besteht nur aus Phrasen auf Papier.

Die Darsteller tauschen ihre Rollen, dienen abwechselnd als Erzähler, tragen auch Briefe hin und her. Lenel überzeichnet, setzt auf schnelle Lacheffekte. Tom und Christian stecken in Matrosenhemdchen, Tony trägt einen absurden Rüschenrock. Tom, der zu Beginn des Stücks schon vor dem Eintritt ins Geschäft steht, wiegt sich in den Schultern wie ein verlegener Vierjähriger. Christian (Bernhard Glose) rezitiert das Lobgedicht an „Venus Anadyomene“ mit Trauben unter der Oberlippe. Das erinnert in der Herangehensweise an die „Faust“-Version frei nach Goethe, mit der das Münsteraner Ensemble vor drei Jahren den Klassiker verrockte; doch was dort oft erfrischend wirkte, ist hier bemüht.

Ilja Harjes hat als Bendix Grünlich allerdings sichtlich Spaß: mit angeklebten Favoris, dem „goldgelben Backenbart“ der Vorlage, schleimt er sich in die Familie ein und mimt mit Vergnügen Verzweiflung: „Tony, ich beschwöre Sie!“ Julia Stefanie Möllers Tony ist ein rotziges Geschöpf – manchmal spricht Möller eher wie ein Münsteraner Milchmädchen denn wie eine Angehörige der Lübecker Oberschicht –, aber eine treue Seele. Ihre Dialoge mit Grünlich sind für Lacher gut („Aber ich will Sie ja gar nich’ töten“). Mit Permaneder (Marek Sarnowski) schaukelt sie beschwingt über die Bühne: der Bayer im Spießersalon dient Lenel als Lieferant für willkommene Albernheiten. Sarnowski ist vor Dialekt gar nicht zu verstehen, seine Karohose und der Hut mit Gamsbart bedienen jedes Klischee.

Bernhard Gloses Christian macht eine Wandlung vom lockenbeschopften Jungen zum pomadisierten Hypochonder durch. Glose spielt sichtbar auf, als er sich in Leidensberichten ergehen darf. Als erwachsener Thomas übt sich Tim Mackenbrock in dumpfem Brüten. Betrogen von Gerda, seiner Frau (Stefanie Kirsten stellt sie hauptsächlich mit künstlichen Posen dar), unfähig, seinen Sohn zu lieben, ahnt er seinen Tod voraus.

Das Stück dauert mehr als drei Stunden. Längen schleichen sich ein. Die Mann’sche Ironie bleibt ganz auf der Strecke: Eine hochamüsante Szene des Romans, in der Mann anlässlich der Wahl Tom Buddenbrooks zum Senator dem Volk aufs Maul schaut, wird bei Lenel zur Massenschubserei.

6., 8., 9., 11., 16., 19., 22., 27.10

Tel. 02 51/59 09-0

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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