Timur Vermes’ „Er ist wieder da“ am Westfälischen Landestheater

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Eine Lachnummer ist Hitler in „Er ist wieder da“ in Castrop-Rauxel: Szene mit Thomas Zimmer und Guido Thurk.

Von Rolf Pfeiffer Castrop-Rauxel - Wie wäre es, wenn Hitler wieder auftauchte? Wenn er nach 70jährigem Dornröschenschlaf in einer Gegenwart erwachte, in der es türkische Zeitungen und Comedians gibt und niemand Respekt vor dem Führer hat? Timur Vermes hat dieses Spiel in seinem Roman „Er ist wieder da“ gewagt.

Das Westfälische Landestheater hat in der Regie von Gert Becker daraus ein vorwiegend vergnügliches Bühnenstück gemacht, die Uraufführung teilt sich Castrop-Rauxel mit Memmingen (Bayern).

Der Zeitungshändler, bei dem dieser merkwürdige Bärtchenträger in seiner abgeranzten braunen Uniform auftaucht, hält ihn für einen Comedian, für einen genialen Hitler-Imitator, der nie aus der Rolle fällt. Er vermittelt ihn an die Agentur „Flashlight“, und eine steile Karriere nimmt ihren Lauf. Jede Woche ist Hitler im Fernsehen zu sehen, seine Klickzahlen im Netz sind atemberaubend, „Youtube-Hitler – Fans feiern seine Hetze“ titelt die Zeitung mit den ganz großen Buchstaben. Bald schon erhält er den Grimme-Preis.

Und es bleibt nicht bei den im martialischen „Führer“-Duktus gehaltenen Reden. Wenn Hitler im NPD-Büro den Vorsitzenden wegen unvölkischer Gesinnung und eines indiskutablen Bekenntnisses zur Demokratie vor laufender Kamera zusammenstaucht, feiert das Volk dies als Protestaktion gegen Rechts. Als er schließlich von Neonazis zusammengeschlagen wird, fliegen ihm endgültig die Herzen der Menschen zu. Es wird Zeit, das gut zweistündige Stück mit seinen monströsen Hitler-Phantasien zu beenden.

Das mulmige Gefühl, das sich trotz der zahlreichen Lacher einstellte, will nach der letzten Szene nicht weichen. Vieles von dem, was Timur Vermes erzählt, könnte sich tatsächlich so abspielen in der Mechanik unserer stets auf Quote starrenden Medienwelt.

Gewiss, das Grauen über den millionenfachen rassistischen Mord der Nazis und ihres „Führers“ findet in der Inszenierung seinen Platz. Gleichwohl hat Vermes’ Hitler, der darauf besteht, wirklich Hitler zu heißen, und Hitler so gut nachmacht, dass man glaubt, er wäre Hitler, mit der historischen Figur wenig zu tun. Er wird gezeichnet als Sonderling mit Realitätsverlust, von dem keine politische Gefahr ausgeht.

Die Inszenierung leugnet nicht, dass sie vom Buch abstammt, und besetzt den Hitler doppelt. Guido Thurk ist Hitler 1, der die braune Uniform trägt und in den Szenen mitspielt. Burghard Brauns Hitler 2 trägt zivil und spricht verbindende Texte zwischen den Szenen. Thurk grimassiert und rollt die Augen, Braun pflegt die beherrschte Pose, beides kennt man vom historischen Vorbild. Beide Schauspieler sind famose „Führer“-Darsteller. In weiteren Rollen sind Julia Gutjahr, Samira Hempel, Vesna Buljevic, Thomas Tiberius Meikl, Bülent Özdil und Thomas Zimmer zu sehen, die einige Male stärker überspielen als nötig. Viel herzlicher Applaus für Darsteller und Inszenierung.

5.2., Rheine, Stadthalle; 6.2., Bocholt, Städtisches Bühnenhaus; 13.2., Hamm, Kurhaus; 14.2., Witten, Saalbau; 18.2., Lünen, Heinz-Hilpert-Theater;

Tel. 02305 / 978 020; www. westfaelisches-landestheater.de

Quelle: wa.de

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