„Tierstücke“ von Alten Meistern und jungen Künstlern in Liesborn

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Abgründiges Idyll: Marcin Cienskis Bild „Versöhnung“ (2012) ist in Liesborn zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ LIESBORN–Der Hund leckt die Händchen des kleinen Mädchens. Das 2012 entstandene Gemälde des polnischen Künstlers Marcin Cienski wirkt wie ein Amateurfoto, ein verblitzter Schnappschuss. Das Schlaglicht hebt den Körperkontakt der so ungleichen Wesen hervor: Hier das Kind mit dem puppenhaften Kopf, da das Raubtier mit den feuchten Lefzen. Der Titel „Versöhnung“ öffnet die Fantasie in Richtung Romantik, gerade weil das angedeutete Interieur so altmodisch aussieht. Haben wir hier das glückliche Ende eines bösen Märchens, schließen gerade Rotkäppchen und der Wolf ihren Frieden?

Höchst hintersinnig sind manche Bilder in der Ausstellung „Tierstücke“ des Museums Abtei Liesborn. Das Haus setzt damit die Zusammenarbeit mit der Sammlung Sør-Rusche fort. Zum dritten Mal zeigt es Alte Meister im thematisch gestimmten Dialog mit Gegenwartskunst. Thomas Rusche, Inhaber des Modehauses, hat die Familientradition des Kunstsammelns erweitert. Zusätzlich zur niederländischen Malerei des Goldenen Zeitalters erwirbt er regelmäßig Arbeiten junger Künstler. Viel gegenständliche Malerei ist dabei. Die in fünf Kapitel gegliederte Schau mit rund 80 Werken setzt dabei weniger auf den direkten Vergleich der Motive als auf einen Dialog der Stimmungen.

Im ersten Raum sieht man ausschließlich Bilder von Vögeln. Tiere dienten an den Höfen des 17. Jahrhunderts als statusträchtige Schaustücke. Eine Ahnung davon vermittelt Dirck Wijntracks opulentes Gemälde „Wasservögel vor einem Schloss“ (vor 1650), das um den stolzen Schwan Gänse, Enten, einen Reiher und Wasserhühner versammelt, gleichsam als gefiederte Spiegelung eines Adelshofs. Gegenüber zeigt Claudia Landwehr die „Wildbahn“ als Schwarm flatternder bunter Papageien. Und Jan Dörre setzt auf einem Schreibtisch vor einem Fenster einen Sittich in „Pose“ (2007).

Der nächste Raum zeigt Aggression, Tiere, die Menschen angreifen, wie in Ruprecht von Kaufmanns Großformaten. In „Ajax“ (2007) sieht man einen Schwimmer und einen Hund in einem Becken treiben, und über die Kacheln zieht sich eine Blutspur. Und in Malgosia Jankowskas monochrom rotem Aquarell „Birkenwald II“ gehen die Wölfe wieder auf die Pirsch.

Dann geht es um Mensch und Tier in Partnerschaft. Anthonie van Borssom malte eine „Landschaft mit fünf Rindern, Jan Wijnant und Dirck Wijntrack einen Hühnerhof. Nutztiere als kostbarer Besitz. Gegenüber beäugt eine junge Frau mit einer Schale voll Kirschen misstrauisch den Spatz, der sich auf der Mauer niedergelassen hat: In Agate Apkalnes Gemälde „16 Cherries and a Sparrow“ (2007) spielt die Künstlerin raffiniert mit der Farbigkeit des Holzes, auf das sie malte. Das erinnert an die Kunst des Trompe L‘oeuil, der Augentäuschung, die Cornelis Biltius in seinem Bild eines Falken und eines Beutevogels (zwischen 1672 und 1686) demonstriert. Martin Eder malt einen Ziegenbock, der grinst (2010). Der Bildtitel „Unschuld“ spielt auf den biblischen Sündenbock an, der mit Schuld beladen in die Wüste getrieben wurde.

Im Neubau geht es um Mischwesen zwischen Mensch und Tier. Der Barockmeister Jan Tengnagel gibt den Ton vor in seiner Szene aus der Odyssee, in der Circe die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt (Anfang 17. Jh.). Der letzte steht mit seinem Keilerkopf noch aufrecht, bekleidet wie ein Adliger. Ihm gegenüber erblicken wir Paule Hammers arrogant dreinblickenden „Schweinehund“ (2009). Und Pavel Feinstein zeigt altmeisterlich einen Affen, der einen Frauenakt malt (2010). Schließlich gibt es Bilder einer denaturierten Umwelt wie Slava Seidels Tuschblatt „FFM Hbf Wildwechsel“ (2007). Der schwächere Abschluss einer insgesamt anregenden und abwechslungsreichen Schau.

Tierstücke im Museum Abtei Liesborn. Bis 28.4., di – fr 9 – 12 und 14 – 17, sa, so 14 – 17 Uhr, Tel. 02523/ 982 40, www. museum-abtei-liesborn.de

Quelle: wa.de

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