Thorsten Lensing inszeniert Dostojewski mit Devid Striesow in Münster

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Gibt es hier Liebe? Szene aus Thorsten Lensings Inszenierung „Karamasow“ mit Devid Striesow und Ursina Lardi.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - André Jung läuft unstet umher. Er legt den Kopf schief, knurrt ins Publikum, schnüffelt und pustet einen dieser kurzen Nieser, die jeder Hundehalter kennt. Sonst spielt André Jung in Kinofilmen und im „Polizeiruf 110“. Hier gibt er den Vierbeiner in Thorsten Lensings Inszenierung „Karamasow“, ohne Hilfsmittel, und er bleibt auch aufrecht, und doch ist er zum Niederknien und Streicheln hündisch.

Der Regisseur mit westfälischen Wurzeln ist ein Star der Off-Szene. Und er arbeitet mit Stars. Für seine Bühnenfassung des letzten Romans von Fjodor Dostojewski setzt er sieben Darsteller mit langen Filmographien ein, wie Devid Striesow, Ernst Stötzner, Sebastian Blomberg. Und obwohl er längst in Berlin arbeitet, gastiert er immer wieder gern im Münsteraner Theater im Pumpenhaus, wo jetzt die Vorpremiere zu sehen ist, eine Woche vor den Berliner Sophiensälen.

Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ ist ein Block von mehr als 1000 Seiten. Wer will das halbwegs publikumsverträglich auf die Bühne bringen? Lensing löst das Problem, indem er nur einen Handlungsstrang herauslöst, die Geschichte des jüngsten Bruders Aljoscha. Der Rest des Romans bleibt präsent dabei, in Dialogen hört man vom Mord an dem brutalen Säufer Fjodor Karamasow, von der falschen Verdächtigung Dmitris. Selbst die Moral-Anarchie des Atheisten Iwan ist präsent, eingebracht in einem Dialog, den Striesow als furioses Solo vorträgt.

Lensing deutet Dostojewskis Stoff als Tragikomödie, und er gibt dem Publikum viel zu Lachen. Der Regisseur zeigt die Beziehung Aljoschas zur 14-jährigen Lisa, die an den Rollstuhl gefesselt ist, als Liebesgeschichte, an der der Karamasow-Sohn durchaus beteiligt ist. Hinreißend deutet Striesow Gefühlsverwirrungen an. Er ist nicht der Freund, der das Kind zurückführt auf den rechten Weg. Er knutscht herzhaft mit dem Rolli-Mädchen, er errötet, er verhaspelt sich und steckt ebenso in einer Unsicherheit wie sie.

Ursina Lardi gibt Lisa als reifes Kind. Sie kreischt und kommandiert aus ihrem Gefährt, eine resolut egozentrische, zuweilen boshafte Prinzessin. Und während er von Heirat spricht, umtänzelt sie ihn regelrecht in ihrem Rollstuhl.

Der Abend hat Zeit. Vier Stunden lang ist zu jeder Viertelstunde ein Schauspieler an einer großen Glocke und macht das mit sanftem Schlag deutlich. Lensing braucht keine Spezialeffekte, kein Video, keinen Apparat. Die Darsteller sind alle auf der Bühne, sitzen auf Stühlen, an schmalen Tischen und schauen zu, wenn sie nicht gerade spielen. Oder sie unterstützen: Stötzner verdunkelt zur Pause die Szene, schaltet das Saallicht hoch.

Alles lebt hier aus dem Spiel, und das Publikum darf die Instrumente sehen. Wenn der verbitterte Iljuscha Karamasow in den Finger beißt bis auf den Knochen, dann reicht ein Mitspieler die Kunstblutflasche, und Striesow spritzt sich den roten Saft auf die Hand.

Stötzner spielt Lisas Mutter praktisch ungeschminkt in Rock und Bluse. Bald vergisst man seine Bartstoppeln, und obwohl er nicht fistelt, zeigt er die Chochlakawa in aller Weiblichkeit, eine geschwätzige, eitle Matrone. Solche Besetzungen gegen den Strich geben dem Abend zusätzlich scharfe Konturen. Der 72jährige Horst Mendroch verkörpert den neunjährigen Iljuscha, in kurzen Hosen und wunderbar jungenhaft.

Einmal werfen sie eine Schaummaschine an, die Schneeflocken in den Raum wirft. Aber es gibt kaum wilde Aktionen, stattdessen immer wieder große Einzelauftritte. Jung hält als Starez eine Predigt voller Wärme und Natürlichkeit. Sebastian Blomberg erzählt als Kolja von seiner Mutprobe, als er sich zwischen die Schienen legte, bis ein Zug kam, und Jung als Hund spiegelt da perfekt die Gefühle seines Herrn. Und wenn dann Lisa vor ihm herrollt und Zug spielt, dann mault er, sie mache ihm die Pointe kaputt. Selbst das Aus-der-Rolle-Fallen gelingt besonders kunstvoll-pointiert.

Obwohl der Mord hier nicht stattfindet, wird gestorben und gelitten. Iljuschas Tod im Krankenbett geht über alle Verfremdungen hinweg zu Herzen. Wenn Striesows Aljoscha am Ende seine Trost- und Ermutigungsrede hält, dann zeigt die Inszenierung eindringlich, wie nah Missionierungseifer und Verführbarkeit beieinander liegen. Der Abend ist ein Meisterstück an darstellerischer Genauigkeit. Großes Schauspielertheater, wie man es nur selten erleben darf.

29., 30.11., Tel. 0251/ 233 443, www.pumpenhaus.de

Quelle: wa.de

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