Thomas Schüttes Skulpturen im Museum Folkwang

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Spielarten des Thema weiblicher Körper in der Skultpur: Thomas Schüttes Frau „Nr. 10“. Dahinter ist im Essener Museum Folkwang noch Frau „Nr. 13“ zu erkennen.

Von Ralf Stiftel -  ESSEN Schnöde durchnummeriert hat Thomas Schütte seine „Frauen“, von Nr. 1 bis Nr. 18. So rekeln sie sich überlebensgroß auf ihren Stahltischen im Museum Folkwang in Essen, jeweils sechs in einer langen Raumflucht. Dem Bildhauer geht es sichtlich nicht um Porträt, auch nicht um Idealisierung. Er führt eine Versuchsreihe vor, Erscheinungsformen eines grundlegenden Themas der Plastik.

Der 1954 in Oldenburg geborene Künstler gehört zu den bekanntesten deutschen Bildhauern. Seine Arbeiten sind in den wichtigsten Museen präsent. Mehrmals hat er bei der documenta in Kassel ausgestellt, und bei der Biennale in Venedig gewann er 2005 einen Goldenen Löwen. Und auch im Stadtraum der Ruhrgebietsstadt ist er vertreten, zum Beispiel mit den „Drei Geistern“ an der Philharmonie. Dass Schütte nun die zentrale Werkgruppe der „Frauen“, die zwischen 1998 und 2006 entstand, in Essen zeigt, bietet dem Kunstfreund eine glückliche Chance. Zumal die monumentalen Metallgüsse um zwei weitere Werkgruppen ergänzt sind. Da ist ein Ensemble von kleinen Keramikstudien, die zwischen 1997 und 1999 geschaffen wurden und aus denen Schütte die großformatigen Arbeiten entwickelte. Und es gibt die Serie der „Deprinotes“ (2006-2008), überwiegend Aquarelle, die ganz entgegen dem Titel einen eher heiteren Charakter haben.

In der Serie der „Frauen“ setzt Schütte sich intensiv mit der Tradition auseinander. Er spielt Variationen des weiblichen Aktes durch, von der Gestaltung, aber auch in der Materialität. So existieren die Frauen in unterschiedlichen Güssen, zehn Plastiken in Essen sind aus Aluminium, jeweils vier aus Bronze und aus Stahl. Der Körper der Frau Nr. 5 ist geradezu klassisch ausgeformt, mit glatter Oberfläche, als Liegende, die sich aufrichtet, den Kopf nach vorn gesenkt, ein Bein untergeschlagen. Hände und Füße allerdings hat Schütte als amorphe flache Masse gestaltet, und das Haar ist als Klumpen mit unruhiger Oberfläche auf den Kopf geklatscht. In Essen ist die Version in Aluminium zu sehen, deren polierte Oberfläche den Raum spiegelt. Es betont die Modernität der Arbeit, bricht die klassische Ausführung des Körpers.

Wie anders ist das vor Nr. 12: Eine mit dem Bauch nach unten Liegende, der Körper ebenfalls naturnah modelliert, das Gesicht ruht auf einer Wange. Auch diese Frau zeigt Schütte nach innen orientiert, weltabgewandt. Aber diesmal ist die Arbeit in Stahl ausgeführt, mit einer Patina aus rotem Rost, was die Verletzlichkeit der Figur unterstreicht.

Schütte arbeitet sich durch die Kunstgeschichte, freilich nicht chronologisch, und durch Stimmungen. Frau Nr. 3 sitzt in einer extremen Pose, wie eine Schlangenfrau beugt sie den Oberkörper zu Boden, während sie die Arme nach hinten abstützt. Der rotgoldne Lack auf dem Aluminium gibt der Arbeit den Charakter eines kostbaren Schmuckstücks. Frau Nr. 9 ist ein kopf- und gliedloser Torso aus silbrigem Aluminium, eine archaische Übung in Volumen, fast wie eine Fruchtbarkeitsdarstellung. Frau Nr. 10 sitzt dem Betrachter gegenüber, Arme und Unterschenkel wurden weggelassen, teilnahmslos blickt sie in die Ferne, während sie die Beine spreizt. Die weißliche Oberfläche lässt an Marmor denken, zumal hier nicht geglättet wurde. Bei Frau Nr. 13, einer Hockenden, modellierte Schütte mit Kreuzschraffuren auf dem Rücken angedeutete Flügel. Ist hier ein junger Engel auf dem Absprung?

Frau Nr. 14 ist radikal vereinfacht, der Kopf eine Scheibe mit Augen, der Körper allein aus einer Platte durch Biegen und Einschneiden angedeutet, man denkt hier an Picasso. Frau Nr. 16 wiederum könnte aus einem Betonblock gehauen sein, ist aber aus unbearbeitetem Aluminium, mit ungeschlacht modelliertem Kopf, überbetonten Brüsten und groben Konturen wie ein Werk der Art brut. Dann gibt es noch Frau Nr. 8, die aussieht, als habe der Bildhauer einen misslungenen Versuch mit dem Nudelholz überrollt. Und Frau Nr. 6 könnte aus einem Science-Fiction-Film stammen, anstelle eines Kopfes erheben sich Tentakel-Ansätze, als ob gerade ein Alien die menschliche Hülle abstreife.

Und so bekommt der Besucher wie in einer Lehrstunde vorgeführt, in welche Richtungen man ein eigentlich streng definiertes Motiv führen kann. Mal prickelt es erotisch, mal zeugt es sanften Schauder.

Die Schau

Eindringliche Beispiele dafür, welche Formen die weibliche Skulptur in der zeitgenössischen Kunst annehmen kann.

Frauen von Thomas Schütte im Essener Museum Folkwang.

Bis 12. Januar 2014, di – so 10 – 20, fr bis 22.30 Uhr; Katalog, Verlag Richter & Fey, Düsseldorf, 39 Euro; Tel. 0201/ 8845 000, www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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