Thomas Grünfelds vielfältiges Werk in der Leverkusener Ausstellung „Homey“

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Empfangsdame der Leverkusener Schau: Thomas Grünfelds „Misfit (Giraffe-Strauß-Pferd).

Von Ralf Stiftel LEVERKUSEN - Ein bisschen traurig schaut die „Missgeburt“ schon auf den Betrachter herab. Immerhin 2,10 Meter hoch ragt das Mischwesen mit dem Giraffenkopf, dem Straußenleib und den Pferdeläufen. Das Tierpräparat steht im „Empfangssaal“ der Ausstellung „Homey“ im Museum Morsbroich in Leverkusen.

Die „Misfits“ sind bestimmt die populärsten Arbeiten von Thomas Grünfeld. Aber sie bilden nur eine von 16 Werkgruppen, die bei dieser ersten Retrospektive des aus Leverkusen stammenden Künstlers zu sehen sind. Die Vielseitigkeit macht es immer auch problematisch, Grünfeld zu präsentieren. Das habe ihm ein Galerist gesagt, berichtet der Plastiker. Es sehe da immer nach einer Gruppenausstellung aus. Trotzdem vermittelt die Leverkusener Schau einen schön geschlossenen Eindruck. Grünfeld arbeitet hier mit Kurator Fritz Emslander zuweilen wie ein Inneneinrichter, inszeniert seine Arbeiten im Rokoko-Schloss wie in einem Wohnhaus. So wird das Werk ohne Rücksicht auf Chronologie oder Motive präsentiert.

Das zeigt schon der erste Raum, in dem das Giraffen-Strauß-Pferd-Misfit neben einer Gruppe aus runden, gepolsterten Hockern steht, von denen einer mit Glasplatte und Zierpflanze als Tisch dienen könnte, einige andere zum Sitzen. An der Wand ist ein hölzernes „Tablett“ befestigt, mit ins Glas gestrahlten Aufschriften: „Ich darf, ich soll“. Und vor Kopf hängt eine Art Collage aus Filz, die ein Autobahnkreuz zeigt. Der Titel „51373“ steht für die Postleitzahl von Grünfelds Elternhaus. Das Autobahnkreuz mit dem links oben angedeuteten Stadion steht für einen Fixpunkt seiner Arbeit. Der Künstler, 1955 geboren, ist seit 2004 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Er ist immer noch überzeugter Leverkusener, Dauerkartenbesitzer bei Bayer 04, und im Museum Morsbroich kam er mit moderner Kunst in Berührung.

Seine Arbeiten haben oft Vorgeschichten. Die Misfits begannen mit einer Fundsache in einem Kölner Kuriositätenladen: Da war ein Tierpräparat ausgestellt, eine Bisamratte, die einen Hahn besteigt. Grünfeld hat das gekauft, als Readymade ausgestellt (es ist auch in der Leverkusener Schau) – und sich überlegt, wie wohl die Nachkommen aussehen. Und so kombiniert er möglichst breit über Artgrenzen hinweg Vögel mit Nagern, die Bulldogge mit der Ziege, den Dachs mit dem Pinguin. Grünfeld berichtet, dass ihm anfangs unterstellt wurde, er sei für Genmanipulationen. Inzwischen will beispielsweise Greenpeace die Skulpturen nutzen, um ihren Kampf gegen Genmanipulation zu illustrieren. Und Tierschützer brauchen sich nicht zu sorgen: Für Grünfelds Werke werden keine Tiere getötet.

Die Arbeiten, in Zusammenarbeit mit Präparatoren entwickelt, eignen sich nicht als Bebilderung von Thesen. Grünfeld gestaltet Geschöpfe, Wesen, denen der Betrachter entgegentritt, die still, manchmal traurig wirken.

Die Räume vermitteln dem Betrachter bei allem Vergnügen an schwarzem Humor auch ein irritierendes Gefühl, weil Elemente der Gemütlichkeit aufgegriffen, aber gleich durch seltsame Konfrontationen gebrochen werden. Bei der Arbeit an den Misfits fielen Grünfeld die speziellen Glasaugen auf, die es für jede Spezies gibt. Nun nutzt er sie für Bilder, die den Betrachter angucken. In Leverkusen gibt es sogar ein ganzes Zimmer voller Augen, in dem man sich ganz bestimmt nicht unbeobachtet fühlt.

Grünfeld bewegt sich zwischen den Genres. Einmal lehnt er im „Bettenlager“ (1990) senffarbene Polstermatratzen aufrecht an die Wand, womit er die Metallquader eines Donald Judd zugleich zitiert und ironisiert. Die feste Geometrie des Minimalismus wird zum gemütlichen Wohnmöbel zerkuschelt. Die „Gummis“ sind amorphe Flatschen aus Naturkautschuk (weshalb es auch nur wenige Farben gibt), die seltsam verloren ihren Raum auf dem Fußboden beanspruchen. Bilder aus Filz collagiert er zu grobkonturigen Kompositionen, auch, weil er nicht gut malen kann, wie er einräumt. Da erscheint dann ein Gesicht, aus dessen weißer Leere allein ein Auge hervorsticht („Belphegor“, 2007). Und das „Ponygirl“ (2009), von dem wir nur den Körper unter der Gürtellinie sehen, hebt einen behuften Fuß, lässt aus dem Rock einen Schweif baumeln. Vielleicht ist sie ein erster Misfit mit Menschanteil? Frauenröcke versieht er mit einer Abdeckung und stellt sie wie Zelte in den Raum, Unterleiber ohne Damen. In einem Raum hat er eins seiner Tabletts an die Wand gebracht und die Fläche darum farblich angepasst, so dass das Regal wie getarnt erscheint.

Thomas Grünfeld: homey im Museum Morsbroich, Leverkusen. Bis 8.9., di – so 11 – 17, do bis 21 Uhr, Tel. 0214/ 855 560, www.museum-morsbroich.de,

Katalog, Verlag Kettler, Bönen, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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